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Grass' Brief : Der Bürgermeister als Bote

Nach der Lektüre wundersam verwandelt: Lech Walesa Bild: ddp

Danzigs Bürgermeister hat mit seiner Handhabung des Grass-Briefes eine kleine Sensation geschaffen: den ersten entschlossenen Versuch der politischen Mitte, sich einer antideutschen Kampagne der Kaczynski-Partei zu widersetzen.

          Eigentlich hätte ein Mausklick genügt. Lech Walesa, der ehemalige Staatspräsident und von Heilsgewißheit umstrahlte Revolutionär aus Danzig, ist als gelernter Elektriker zugleich ein Mann der Praxis und beherrscht den Umgang mit dem Internet. So wäre es also ein leichtes gewesen, ihm den gestern in dieser Zeitung dokumentierten Abbittbrief, den Günter Grass dem Bürgermeister seiner Heimatstadt geschrieben hat, einfach als E-Mail zukommen zu lassen.

          Statt dessen fuhr Bürgermeister Adamowicz in eigener Person vor der Residenz des Alten von der Lenin-Werft vor, den Brief in der Tasche. Bei der Lektüre muß Walesa, der kurz zuvor noch in hohem Zorn gefordert hatte, Grass müsse die Ehrenbürgerwürde aufgeben, ein veritables Wandlungserlebnis widerfahren sein. Jedenfalls erschien der Rächer kurz nach Empfang des Schreibens völlig verändert in seinem Garten, wo sich gerade wie zufällig eine kleine Rotte Journalisten eingefunden hatte, als Erbarmer und Mann der Vergebung. Mit „Befriedigung“ habe er die Worte des Dichters gelesen, teilte Walesa nunmehr mit. Alle Verdächtigungen verstummten vor der „Beichte“, die Stunde der Versöhnung sei da. „Ich verzeihe ihm.

          Politisches Mysterienspiel

          Daß Danzig an diesem Tag statt eines Mausklicks ein Mysterienspiel erlebt hat, ist natürlich nicht allein Walesas christlicher Seelengröße geschuldet. Die Politik und insbesondere der bevorstehende Kommunalwahlkampf spielen eine Rolle. Bürgermeister Adamowicz und seine liberalkonservative „Bürgerplattform“ (PO) waren Grass immer nahe, sie wollen ihn als Ehrenbürger behalten. Die nationalkatholische und in Wahlkämpfen zu antideutschen Kampagnen neigende Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) der Zwillinge Kaczynski, die in Danzig in der Opposition ist, fordert dagegen, Grass in die Wüste zu schicken, und verdächtigt seine Verteidiger der Servilität gegen Deutschland.

          Für den liberalen Bürgermeister war es deshalb wichtig, Walesas patriotisches Ansehen auf die Waagschale legen zu können. Daß das gelingen könnte, dafür sprach zunächst, daß der überzeugte Europäer Walesa die Kaczynskis samt ihrer antideutschen Töne längst herzlich verabscheut. Dagegen sprach, daß der impulsive Altrevolutionär sich in Sachen Grass sehr früh auf Verdammung festgelegt hatte. Um ihn von dieser Festlegung herunterzuholen, war ein gewisser inszenatorischer Aufwand unerläßlich. Trotz aller Winkelzüge hat der Vorgang Größe.

          Bürgermeister Adamowicz hat mit Walesas Umkehrerlebnis und der öffentlichen Verlesung des Briefes durch einen Schauspieler im Danziger Rathaus den szenischen Rahmen für eine kleine Sensation geschaffen: den ersten entschlossenen Versuch der politischen Mitte, sich einer antideutschen Kampagne der Kaczynski-Partei zu widersetzen. Trotz wütender Angriffe der PiS - unter anderem wirft man Adamowicz vor, seine Nähe zu den „Henkern“ von der SS degradiere die polnischen Opfer abermals zu „Untermenschen“ - steht er ohne Wenn und Aber zur Ehrenbürgerwürde von Grass. Ob der Briefautor das verdient hat, mag dahinstehen. Für Polen, für die Rückkehr der bürgerlichen Mitte aus der Defensive ist diese Festigkeit ein Meilenstein.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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