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Reihe „Mein Fenster zur Welt“ : Gott der Müllhalde

  • -Aktualisiert am

Düstere Aussichten: Blick aus dem Küchenfenster von Amir Cheheltan Bild: Foto privat

Hier schließt jetzt jeder seinen Pakt mit Gott: Die Verzweiflung in der iranischen Hauptstadt wird immer größer. Von unserem Fenster aus müssen wir mitansehen, wie Jungs den Abfall durchwühlen.

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          Abend für Abend kommen sie um kurz nach neun hier vorbei. Der ältere Bruder ist fünfzehn, der jüngere zwölf Jahre alt. Das haben sie meiner Frau und mir selbst gesagt. Unterwegs hierher reißen sie auf der Suche nach Altplastik jede Mülltüte auf, die sie finden. Danach widmen sie sich den Tüten in einem großen Abfallcontainer. Damit er verwertbares Plastik aufstöbern und aus dem Container auf den Gehweg werfen kann, hilft der ältere Bruder dem jüngeren, in den Container zu steigen. Binnen Minuten verstauen die beiden ihre Ausbeute dann in zwei großen Säcken, schultern sie und ziehen weiter. Immer kurz bevor die Lkws der städtischen Müllabfuhr ihre Runde machen und die Container leeren.

          Sechzig Minuten Zeit für Müllsammler

          Wir haben vor sechs Monaten mit den Jungen Bekanntschaft gemacht, nachdem die Bezirksverwaltung einen großen, nagelneuen Container für Haushaltsmüll direkt vor unserem Schlafzimmerfenster plaziert hatte. Bislang haben die Stadtwerke keinerlei Schritte zur Einführung einer Mülltrennung unternommen. Hier entsorgt man seinen Müll unsortiert, in Plastiktüten, die man allabendlich gegen neun Uhr in die großen Abfallcontainer am Straßenrand wirft. Die Stadtreinigung kommt etwa eine Stunde später und leert sie. Das verschafft den Müllsammlern rundum knapp sechzig Minuten Zeit, den Hausmüll der Stadt nach Verwertbarem zu durchsuchen.

          Mit dem ersten Tag, an dem meine Frau und ich uns wegen der Corona-Krise in häusliche Quarantäne begeben hatten, wurde die Geschichte der beiden Jungen zu unserer Sorge. An Tag zwei seilte meine Frau in einem Plastikkorb Mundschutzmasken und Gummihandschuhe für die beiden ab. Das tun wir bis heute. In jüngster Zeit legt sie auch zwei kleine belegte Brote dazu, die die beiden mit Genuss verspeisen, bevor sie sich an die Arbeit machen. Weil sich so mitunter die Gelegenheit zu kurzen Gesprächen ergibt, wissen wir jetzt zum Beispiel, dass der kleine Bruder eigentlich die Schule besucht, seinem großen Bruder in diesen Tagen aber zur Hand gehen kann, weil wegen der Corona-Krise die Schulen geschlossen sind. Der große Bruder hingegen sammelt tagein, tagaus Altplastik, auch auf den Müllkippen außerhalb der Stadt. Der Kleine möchte weiter zur Schule gehen und eines Tages entweder Lehrer oder Arzt werden. Der Große sagt, er hat einen Pakt mit Gott geschlossen, und will mit seiner harten Arbeit Geld für die Ausbildung des kleinen Bruders verdienen.

          Als wir gestern, nach zwei Wochen, erstmals wieder in den Supermarkt gegangen sind, haben wir etwas mehr eingekauft als wir selbst brauchen. Weil zwei Müll sammelnde Jungen Abend für Abend um kurz nach neun am Müllcontainer vor dem Haus stehen, die Blicke erwartungsvoll zu unserem Fenster gehoben, und dem Korb entgegensehen.

          Amir Hassan Cheheltan, geboren 1956, lebt in Teheran. Unlängst ist von ihm auf Deutsch der Roman „Der Zirkel der Literaturliebhaber“ (C.H. Beck) erschienen.

          Aus dem Persischen von Jutta Himmelreich.

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