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„Charlie Hebdo“ : Sie fürchten keinen Gott

Andruck: Am Mittwoch erscheint die Gedenk-Ausgabe von „Charlie Hebdo“ mit einer Auflage von einer Million Exemplaren. Bild: Reuters

Ein Jahr nach dem Attentat erscheint die französische Satirezeitung „Charlie Hebdo“ mit einer Gedenkausgabe. Auf dem Titel sehen wir den blutbefleckten Gott der Christen. Geht es nicht um die Islamisten?

          Gott ist auf der Flucht – nicht etwa vor den Mördern, die in seinem Namen Menschenleben vernichten, sondern vor denen, die ihn zur Rechenschaft ziehen wollen. Denn er selbst ist der Täter. Mit blutbeflecktem Gewand, Blut an den Händen und einer Kalaschnikow auf dem Rücken läuft er in Gestalt des christlichen Gottvaters – als den ihn das Dreifaltigkeitssymbol über seiner Stirn deutlich ausweist – hinein ins Schwarz und wirft dem Betrachter einen grimmigen Blick zu aus weit aufgerissenen Augen. Darüber steht der Titel: „Ein Jahr danach: Der Attentäter ist immer noch auf freiem Fuß“.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          So zeichnet der Karikaturist „Riss“ Laurent Sourisseau den Allmächtigen auf dem vorab veröffentlichten Titelbild der Sonderausgabe von „Charlie Hebdo“, die am Mittwoch erscheinen wird, einen Tag bevor sich die Anschläge auf die Redaktion der Pariser Satirezeitschrift und auf einen jüdischen Supermarkt zum ersten Mal jähren werden. Auf 32 Seiten und mit einer Auflage von einer Million Exemplaren (das sind etwa fünfmal so viele wie normalerweise, 50000 sollen nach Deutschland gehen), wollen die Überlebenden des Attentats auf „Charlie“ mit unvermindert provokanter Schärfe ihrer Toten gedenken. Allein in den Räumen der Redaktion erschossen die islamistischen Attentäter am 7.Januar 2015 zehn Menschen, darunter den Chefredakteur „Charb“ Stéphane Charbonnier, die Zeichner „Cabu“ Jean Cabut, Philippe Honoré, „Tignous“ Bernard Verlhac und Georges Wolinski.

          „Charlie“ wird inzwischen von Riss gemeinsam mit Gérard Biard geleitet. Das Blatt, das nach einer notdürftigen Unterbringung im Redaktionshaus der „Libération“ in eine Art Bunker zog, den die Stadt Paris zur Verfügung gestellt hat, und dort unter Polizeischutz entsteht, musste nicht nur den Verlust vieler seiner wichtigsten Zeichner verkraften. Nach dem Anschlag war alles anders. Mit den weltweiten Solidaritätsbekundungen unter dem Slogan „Je suis Charlie“, aber auch den muslimischen Protesten kletterte die Auflage in bisher nie erreichte Höhen, Geld floss in die Zeitung, die bis dato nur knappe Mittel gewohnt war, und bald erntete die Satirezeitschrift auch wieder neue Kritik für ihre Erbarmungs- und Respektlosigkeit. Etwa für die Zeichnung, die den ertrunkenen Flüchtlingsjungen, dessen Bild um die Welt ging, vor einer Reklame von McDonald’s zeigt. Das Blatt musste Streit unter den Überlebenden und die Überführung in eine neue Rechtsform überstehen, die eines „solidarischen und sozialen Unternehmens“.

          Trauer: In der Nähe des Konzertsaals Bataclan haben Bürger eine Gedenkstätte für die Opfer der Anschläge vom November und vom Januar des vergangenen Jahres eingerichtet.

          Ein Jahr ist die Zeitspanne, die man Menschen gemeinhin zum Trauern zugesteht. Danach, fordert die Gesellschaft, solle das Gröbste überstanden sein und müsse es weitergehen. In Paris aber ging es nach dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“ mit den Terror-Attentaten weiter. Und so wird diese Sonderausgabe von „Charlie“ zwangsläufig eine Selbstverortung auch unter den Eindrücken des Massenmords, den Islamisten im November in der französischen Hauptstadt verübt haben. Er hat auf schreckliche Art deutlich gemacht, dass alle, die in der freien Welt leben, Ziel der Terroristen sind und somit auch alle „Charlie“ – ob sie die Art und Weise, wie die Satiriker die Pressefreiheit ausüben, nun goutieren oder nicht.

          Als „Charlie Hebdo“ nach dem Anschlag auf die Redaktion zum ersten Mal wieder erschien, zeichnete „Luz“ Renald Luzier, der das Blatt mittlerweile verlassen hat, für den Titel den weinenden Propheten Mohammed, der ein Schild mit der Aufschrift „Je suis Charlie“ hielt. Über ihm verkündete die Titelzeile: „Alles ist vergeben.“ Das war eine geradezu genial mehrdeutige Botschaft, die Trauer, Versöhnungsgeste und Affront genau austarierte. Der Tränen vergießende Religionsgründer schien zu versinnbildlichen, dass Islamismus und Islam nicht dasselbe sind, wobei in der Schwebe blieb, ob er den Karikaturisten vergeben sollte oder sie ihm. Ihn abzubilden, und dann auch noch mit der Solidaritätsadresse in eigener Sache in der Hand, war aber genau jene maximale Provokation, die schon den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard in Lebensgefahr gebracht hatte. Dieses Titelblatt war ein Bekenntnis zur Freiheit, das tun zu dürfen, was Fanatiker mit dem Tod ahnden wollen.

          Das neue Titelbild geht noch einen Schritt weiter weg von den Attentätern. Es zeigt Gott, nicht den Gott Mohammeds und auch nicht den Gott Abrahams, sondern explizit den Gott der Christen. Warum, erläutert der Zeitungschef Riss in einem Leitartikel, in dem er „vom Koran verblödete Fanatiker“ hart angeht und mit ebensolcher Schärfe gegen die Vertreter andere Religionen polemisiert. Riss argumentiert entschieden für den Atheismus und den Laizismus, also die strikte Trennung zwischen Religion und Staat, wie sie sie in Frankreich besteht. Das ist die Lehre, die „Charlie Hebdo“ aus dem Jahr 2015 zieht.

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