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Googles „Self-Driving Car“ : In welche Zukunft fahren wir?

Der Internetkonzern Google sagt, er habe ein Auto gebaut. Das Ding sieht aus wie ein depressiver Koalabär, fährt von selbst und hat kein Lenkrad. Ist es überhaupt ein Auto?

          8 Min.

          In dem relativ kurzen Satz „Hier kommt das Google-Auto!“, der uns aus dem Silicon Valley freudig entgegengerufen wird, steckt schon der erste Fehler. Hier kommt etwas, das offensichtlich von Google konstruiert wurde. Aber es ist kein Auto. Denn ein Auto hat ein Lenkrad, dieses Ding hat keins.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Aus der Entfernung sieht es aus wie ein Smart, dessen Besitzer versucht, einen Kugelgrill auf dem Dach zu transportieren. Aus der Nähe sieht es aus, als habe ein handwerklich begabter, depressiver Koalabär versucht, aus Metall und Plastik einen depressiven Koalabären zu formen. Ein auf Youtube einsehbarer Werbespot zeigt, wie das Vehikel funktioniert: Man steigt ein, man drückt auf einen Knopf, und die Kapsel fährt los, jedenfalls so weit, wie es die Straßenverhältnisse zulassen. Man möchte nicht über einen Feldweg fahren mit dem Ding oder auf einer Wiese wenden müssen, aber es fährt ohnehin nur dort, wo Google sich auskennt, auf kartographiertem, vermessenem Terrain, und wenn der Fahrer spontan anhalten, abbiegen, einen Dünenweg hinaufdonnern, über die Wiese zum See hinunter möchte, ist das leider nicht machbar.

          Das Ende des selbstbestimmten Autofahrers

          Dabei war diese Möglichkeit genau das, was das Auto von Anfang an ausmachte: Dass man, anders als im Zug, wo die Richtung durch Schienen vorgegeben, das Ziel bekannt und das Tempo vom Lokführer bestimmt wurde, selbst entscheiden konnte, wohin, ob, wie schnell und auf welchen Wegen man fuhr. Und von Anfang an gab es moralische Bedenken gegen diese Freiheit des Autofahrers. Das Selbstlenkertum der frühen Jahre war Ärzten und Ordnungshütern unheimlich. In Deutschland warnte Medizinalrat Nacke in einem Aufsatz mit dem Titel „Der Geisteszustand des Automobilfahrers“ vor dessen „menschenfeindlichem Verhalten“; der Lenker empfinde, wenn er mit dem Fahrzeug dahineile, eine „Art Umnebelung der Sinne“, die ihn zu immer schnelleren und kühneren Fahrmanövern verleite. Girardet schreibt: „Man fuhr nicht Auto, um sich fortzubewegen, sondern einfach, um schnell zu sein, Widerstände zu besiegen.“ Die Selbstermächtigung des Passagiers zum Steuermann wurde als Bedrohung der öffentlichen Ordnung empfunden.

          Das änderte sich erst, als es der Autoindustrie und den Automobilisten gelang, die ziellose, streunende, der persönlichen Laune folgende Herumraserei zum kulturell wertvollen Training im Wettlauf der Nationen umzudeuten. Als Albert Clément, der Prototyp des draufgängerischen jugendlichen Rasers, verunglückte, fertigte der angesehene Bildhauer Prinz Paul Troubetzkoy eine Bronze von ihm, und in den Nachrufen stand, der junge Mann sei das Ideal des neuen Mannes, der mutig jenseits der eingefahrenen Bahnen, nur seiner Eingebung folgend, mit abenteuerlichem Herzen und zum Ruhme Frankreichs neue Wege erobert. Hemisphärische Brennräume und einzeln stehende Zylinder mit aufgeschweißten Kühlmänteln waren jetzt keine nutzlose Spielerei für asoziale Beschleunigungsdandys mehr, sondern Arbeit am Fortschritt. Für den 1897 bei einem Rennen verunglückten Émile Levassor entwarf Aimée-Jules Dalou, ein Schüler Rodins, sogar einen Triumphbogen, der 1907 an der Pariser Porte Maillot errichtet wurde. Der Selbstlenker, eben noch Bedrohung der geordneten Fortbewegung, wurde in seinem Eigensinn, seiner Risikobereitschaft für den zügigen Fortgang der Dinge jetzt zum Vorbild - und wenn noch heute trotz Umweltzonen, Dauerstau, Parkplatzwahnsinn und steigender Benzinpreise das Auto Milliarden von Menschen unersetzbar erscheint, hat das auch mit diesem Versprechen zu tun: Es steht für im Wortsinn erfahrbare Freiheit und Selbstbestimmung.

          Bis jetzt.

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