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Googles Datenmacht : Wer die Daten hat, bestimmt unser Schicksal

  • -Aktualisiert am

Keine Einflussnahme auf Online-Inhalte, von niemandem

Europa muss also anders an die Dinge herangehen. Ich selbst plädiere dafür, die Nutzung von Daten kostenpflichtig zu machen. Als Amerikaner und Bewohner der IT-Welt liegt mir daran, eine marktwirtschaftliche Lösung zu finden. Ich konzentriere mich auf Verfahren, bei denen der Einzelne den Preis für die Nutzung seiner Daten selbst bestimmt. Das würde die Macht von Unternehmen und Staat beschränken. Ein Ansatz, in vielerlei Varianten vorgeschlagen, wäre eine Datensteuer. Hier müssten Unternehmen Steuern auf den Gewinn entrichten, den sie dank freiem Zugang zu Daten der Bürger erzielen. Ich befürchte jedoch, dass in diesem Fall der Staat allzu viel Macht bekäme und neue Zyklen von Korruption das Ergebnis wären. Einen Versuch wäre es aber immerhin wert.

Eine andere Option – man könnte sie als atomare oder auch antiatomare Option bezeichnen – wäre das generelle Verbot jeglicher unternehmerischer Einflussnahme auf Online-Inhalte. Wenn wir das offene Internet haben wollen, wie es von den Piratenparteien propagiert wird, dann sollte es genau das sein. Wir sollten nicht mit zweierlei Maß messen – hier die Allgemeinheit, die keinerlei finanzielles Interesse hat, dort die wenigen amerikanischen Unternehmen, die astronomische Profite erzielen. Das würde bedeuten, dass weder Unternehmen noch Politiker Online-Aktivitäten beeinflussen könnten. Das Internet würde das offene, ehrliche Werkzeug werden, als das es oft bezeichnet wird, das es aber noch nie gewesen ist.

Die Nutzung von Daten muss kosten

Entweder muss der kommerzielle Aspekt des Internets so weit gefasst werden, dass alle Nutzer Bürger erster Klasse sind, oder es muss kommerzfrei gemacht werden. Ein teilkommerzielles Internet, in dem nur ein paar IT-Giganten die Macht haben und alle anderen, die süchtig sind nach praktischen Gratisangeboten, nichts zu melden haben, ist inakzeptabel. Da eine Abschaffung des kommerziellen Sektors inzwischen nicht mehr vorstellbar ist, dürfte es sinnvoller sein, mehr Personen in die Internet-Ökonomie zu holen, indem man für ihre Daten bezahlt – sei es über ein universales Mikrobezahlsystem, wie ich es vorgeschlagen habe, sei es über Steuern und staatliche Sozialprogramme.

Es gibt viele interessante Ideen, wie etwa den brasilianischen Vorschlag, dass in Brasilien gesammelte Daten im Inland gespeichert werden müssen, damit ein Anschein von staatlicher Souveränität gewahrt bleibt. Bei genauerer Prüfung bringen solche Verfahren aber nicht viel. Natürlich könnte man Daten in Brasilien speichern, aber die unkontrollierte Auswertung könnte anderswo stattfinden. Beispielsweise auf den Schiffen, von denen Google gemunkelt hat. Jedes strikte Ausfuhrverbot brasilianischer Daten wäre eine Absage an das globale Internet und würde in die Datenisolation führen.

Wie gesagt, staatliche Kontrolle ist schwierig. Den Kampf mit cleveren Programmierern wird vermutlich kein Staat gewinnen. Letztlich landen wir wieder bei dem Vorschlag, die Nutzung von Daten kostenpflichtig zu machen. Das ist eine konkrete, durchsetzbare Idee, die ohne qualitative Bestimmungen auskommt. Die EU sollte diese Option ernsthaft prüfen.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork

Jaron Lanier

Jaron Lanier ist Informatiker, Erfinder, Komponist, bildender Künstler und Autor. Er gilt als Vater des Begriffs „virtuelle Realität“. Als „Lead Scientist“ betreut er die „National Tele-immersion Initiative“, ein Projekt verschiedener Universitäten zur Erforschung des „Internet2“. Er lehrt an der School of The Arts der Universität von New York sowie an der Columbia University und hat das International Institute for Evolution and Brain mitgegründet, das an der Harvard- und der Universität von Paris angesiedelt ist.

Lanier hat als Erster internetbasierte Computer-Netzwerke vorgeschlagen, den ersten „Avatar“ entwickelt, die virtuelle Kamera fürs Fernsehen und 3D-Grafiken fürs Kino. 1983 hat er mit „Moondust“ das erste Videospiel vorgestellt. Zuletzt ist von ihm „Wem gehört die Zukunft? Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne. Du bist ihr Produkt“ erschienen (Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2014. 480 S., geb., 24,99 Euro).

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