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„Google News Archive“ : Der große Raubzug

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Es ist der nächste Schritt, mit dem sich Google zum Monopolisten des Weltwissens aufschwingt: Mit dem „Google News Archive“ errichtet der Konzern ein virtuelles Zeitungsmuseum, zu dem die Zeitungsleute selbst nur als Besucher Zutritt haben.

          Es war nur eine Frage der Zeit, und es ist nur der nächste Schritt. Der nächste Schritt, mit dem sich der Suchmaschinenkonzern Google zum Monopolisten des Weltwissens und der Bewusstseinsindustrie aufschwingt. Google schreibt Geschichte – und bedient sich dabei einmal mehr der Kenntnisse anderer und schlägt daraus Kapital. Die Urheber all der Zeitungsartikel, von denen das Nachrichtenportal „Google News“ lebt, werden künftig nicht nur aktuell enteignet, alles, was sie und ihre beruflichen Vorväter jemals zu Papier gebracht haben, verschwindet unter dem Dach des „Google News Archive“. Google errichtet ein virtuelles Zeitungsmuseum, zu dem die Zeitungsleute selbst nur als Besucher Zutritt haben.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Unter dem Rubrum „Bringing history online, one newspaper at a time“ hat Google das Projekt jetzt auf der Online-Konferenz „Techcrunch 50“ in San Francisco vorgestellt. Das Prinzip ist simpel: Der Suchmaschinenkonzern scannt sämtliche jemals erschienenen Seiten aller Zeitungen der Welt, stellt sie online und macht sie nach Suchbegriffen verfügbar. Bei der Vorstellung ihres Coups haben die Googelianer ein schönes Beispiel dafür gebracht – eine Ausgabe der „Pittsburgh Post-Gazette“ aus dem Juli 1969 mit der Überschrift „We’re on the Moon“. Wer immer, wann immer nachlesen will, welche Zeitung was auch immer geschrieben hat, über Google soll er es bekommen. Dafür wird er mit Werbung beschossen, an deren Umsatz Google die Zeitungsverlage, die im Bauch des Wals verschwinden, mit einem gewissen Prozentsatz beteiligt. Wie hoch dieser ist, das behält der Konzern für sich.

          „Wirklich gut für die Zeitungen“

          Die Sache ist schon im Gange. Seit 2006 können über Google ältere Artikel der „New York Times“ und der „Washington Post“ abgerufen werden, der Time-Konzern ist mit im Boot. Doch helfen, gibt der zuständige Google-Produktmanager Punit Sonie vor, wolle man allein den Lesern – Artikel von Lokalzeitungen zu finden genauso wie jene aus großen überregionalen Blättern. Und natürlich will man den kleinen Verlagen beistehen, die es sich selbst nicht leisten könnten, ihre Archive zu digitalisieren. „Das ist wirklich gut für die Zeitungen, denn wir stellen eine alte Generation von journalistischen Beiträgen online und erweitern die Leserschaft der Nachrichtenarchive“, sagt die leitende Google-Managerin Marissa Mayer. Die Kosten dafür trägt der Konzern; bei einem Jahresgewinn von 4,2 Milliarden Dollar (2007) kann Google sich das aus der Portokasse leisten; man hat angeblich schon Verträge mit mehr als hundert Verlagen.

          Ein paar Claquere, die sich abnehmen lassen, woraus sie selbst etwas machen sollten, stehen parat. Man würde über die Digitalisierung gar nicht reden, kümmerte Google sich nicht darum, zitiert die „New York Times“ einen leitenden Redakteur der „St. Petersburg Times“. Pierre Little, der Verleger des „Quebec Chronicle-Telegraph“, ausgewiesen als „Nordamerikas älteste Zeitung“, hofft, dass Tausende Familien über Googles Zeitungsarchiv ihre eigene, persönliche Geschichte ergründen, etwa über Familien- und Todesanzeigen. Little kratzt die Brosamen auf, die ihm Google aus den Werbeeinnahmen hinwirft. „Wir hoffen, dies wird für uns finanziell ein warmer Regen sein.“

          Aneignen, ausbeuten, ausdeuten

          Man mag wünschen, dass der Verleger so nicht die Todesanzeige für sein eigenes Blatt schaltet; die Brötchen, die der Verlag backt, dessen Blatt seit 244 Jahren erscheint, sind winzig. Allein diese Zahl – 244 Jahre –, auf die Google rekurriert, um vorzugeben, man stoße zu den Urgründen der Zeitungsgeschichte vor, zeigt, wie beschränkt und amerikazentriert die Perspektive ist, von der aus wir die Welt begreifen und Geschichte lernen sollen. Die älteste Zeitung erschien nämlich vor mehr als vierhundert Jahren und zwar nicht in der nordamerikanischen Provinz, sondern in Straßburg. Wiedergefunden hat die „Straßburger Relation“, die auf das Jahr 1605 zurückgeht, kein Suchmaschinist, sondern ein wackerer Zeitungsforscher namens Martin Welke, dessen Darlegungen zur reichen europäischen Zeitungsgeschichte man im Mainzer Gutenberg-Museum betrachten kann.

          Während ihn stets erstaunte, dass die Zeitungen so wenig auf ihre Geschichte blickten – auf Zeitungsgeschichte als Zeitgeschichte, hat Google verstanden, wie man sich diese aneignet, ausbeutet und ausdeutet. Für all diejenigen, die ihr versammeltes Wissen – aktuell, im Archiv, auf Papier und online – selbst bewahren, weitergeben und darauf ihre wirtschaftliche Existenz aufbauen wollen, ist das der nächste Schlag der Raubkopierer, die mit der Digitalisierung der Bibliotheken dieser Welt schon weit fortgeschritten sind.

          Noch gibt es Widerstand gegen den globalen Fischzug, er versammelt sich im Kleinen, in Belgien. Dort klagen drei Zeitungen, weil Google News sich bei ihnen bedient. Um fünfzig Millionen Euro geht es bei dem aus Googles Sicht lokalen Streit um das Recht am eigenen Wort. Der Prozess soll dieser Tage beginnen.

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