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Glücksspiel in Deutschland : Gott würfelt nämlich sehr wohl

  • -Aktualisiert am

Es ist in allen: Sie fallen. Aber wie sie fallen, weiß man vorher nicht. Das ist ja der Witz beim Glücksspiel. Bild: Action Press

Armes Deutschland: Glücksspiele will es streng kontrollieren, aber Versicherungen, die doch auch nur auf die Zukunft wetten, haben freie Hand. Erklärungsversuch eines verkrampften Verhältnisses.

          7 Min.

          Das Wetten hat schlechte Karten in Deutschland, verglichen jedenfalls mit anderen Gesellschaften und nationalen Traditionen, deren Bürger unter ähnlich privilegierten finanziellen Voraussetzungen leben und in ähnlichen Erziehungssystemen aufgewachsen sind. Viel besser ist sein Ruf, und viel direkter ist der Zugang zum Wetten vor allem in Großbritannien, aber auch in vielen amerikanischen Bundesstaaten, in Japan und in Spanien oder Polen. Wer solche Unterschiede verstehen, erklären und vielleicht auch in Frage stellen will, greift im Normalfall auf „die Geschichte“ zurück.

          Im Bezug auf das Wetten aber versagt dieser Standard-Ansatz, weil es offenbar keine Epoche und keinen Ort in der Menschheitsgeschichte gegeben hat, für den sich keine Spuren von Wett-Praktiken ausmachen lassen: Funktionsäquivalente des uns vertrauten Würfels (etwa die oft erwähnten Knochen, welche germanische Schamanen als Zufallsgeneratoren benutzten), Symptome für Verträge zwischen Spielern, aber auch Anzeichen von individuellem Profit und Verlust, die nicht selten zu Vorgaben der Imagination für Erzählungen von individuellen Erfolgskarrieren oder existentiellen Tragödien geworden sind; nicht umsonst ist das Wetten ein Lieblingsmotiv im großen literarischen Realismus des neunzehnten Jahrhunderts.

          Die soziale Konstruktion von Zeitlichkeit

          Vielleicht sollte man die Frage nach spezifischen nationalen Entwicklungen umkehren und nach den Voraussetzungen für jene zeitliche und räumliche Allgegenwart des Wettens fragen. Die Allgegenwart des Wettens ist eine Folge der offenen Zukunft des Menschen, und diese offene Zukunft, so nahm man mindestens bis vor wenigen Jahren an, gehört zu jenen permanenten „anthropologischen“ Strukturen, welche den Menschen als Gattung grundlegend von den angeblich ausnahmslos „instinktorierten“ Tieren absetzt.

          Näher besehen, ist die Form der vom menschlichen Bewusstsein produzierten Zukunft allerdings etwas komplizierter. Wenn Edmund Husserl schrieb, „Zeit“ sei „die Form des menschlichen Bewusstseins,“ so bezog er sich damit auf die uns allen zugängliche Erfahrung, dass jede minimale Gegenwart umgeben ist von einem Nachhall des vorausgehenden Moments und von einer Antizipation des folgenden Moments; Husserl nannte sie „Retention“ und „Protention“. Anders könnten wir zum Beispiel Sprache nicht in Bedeutung umsetzen. Die – minimale – Zukunft auf dieser Ebene ist also gerade nicht „offen“, sondern vorgegeben von den Wahrnehmungen und Erfahrungen der vorausgehenden Momente. Und auch in einer anderen, viel längerfristigen Zeit-Dimension, in der Dimension der historisch sich wandelnden „sozialen Konstruktionen von Zeitlichkeit“, ist die Zukunft sehr oft nicht als offen erschienen.

          Das christliche Weltbild zum Beispiel hat sich nie von der Gewissheit eines am Ende der menschlichen Zukunft liegenden „Jüngsten Tages“ getrennt, und der Marxismus ist im zuletzt wohl etwas verunsicherten Glauben an die Zukunft einer „klassenlosen Gesellschaft“ gestorben, während andere soziale Konstruktionen von Zeitlichkeit tatsächlich eine offene, vom Menschen zu gestaltende Zukunft voraussetzen und projizieren.

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