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Glaubenspräfekt Müller : Woher wissen wir, was die Wahrheit ist?

Kurienkardinal der römisch-katholischen Kirche und seit 2012 Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre: Gerhard Ludwig Müller Bild: dpa

Die Kirche sei kein Philosophenclub, sagt der römische Glaubenspräfekt Gerhard Ludwig Müller. Wie kann der Theologe seinen Glauben bewahren, ohne darüber den Verstand zu verlieren? Über eine verzwickte Wahrheit.

          3 Min.

          Das Dilemma, in welches Leute geraten können, die ihre Weltanschauung zum Beruf machen, wird besonders beklemmend von Theologen vorgeführt. Was, wenn man lohnabhängig bei einem kirchlichen Betrieb angestellt ist, als Hochschullehrer eine theologische Disziplin vertritt - und der Glaube längst verflogen ist (oder auch nur die Leidenschaft für ihn, ohne welche sich Kierkegaard den Glauben nicht vorstellen konnte)?

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Nicht jedem dieser Ritter von der traurigen Gestalt gelingt der Jobwechsel oder auch nur die Sublimierung des religiösen Triebs ins Humanitäre. So wird man zur verzwickten Existenz, nicht zu verwechseln mit jener fröhlichen Verzwicktheit, die nun einmal die Halbheiten des Lebens ausmachen, nein: Hier sind wir bei einer tragischen Verzwicktheit, die je nach Temperament ins Stumpfe oder Zynische geht. Ist es stets ein Desaster, wenn die Leidenschaft abhandenkommt, so gilt das doch namentlich in Glaubensdingen, wo, wie ein theologischer Gemeinplatz behauptet, das Beste zum Schlimmsten werden kann (corruptio optimi pessima).

          Faszinierender Wechsel im Zeitbezug

          Das sagt auf seine Art auch der römische Glaubenspräfekt Gerhard Ludwig Müller in dem lesenswerten Interview mit der „Zeit“, dessen ausführliche Online-Fassung zugleich die Abgründe dogmatischer Selbstbehauptung beleuchtet. „Die Kirche ist kein Philosophenclub, der sich der Wahrheit annähert, sondern die Offenbarung ist uns gegeben, um sie zu bewahren und treu auszulegen.“ Schade eigentlich. Ist es nicht erst die Annäherung (statt das „Haben“ von Wahrheit), welche die Leidenschaft freizusetzen vermag? Und wo wäre solche Leidenschaft kenntnisreicher und schöner beschreibbar als im Philosophenclub? (Wittgensteins Plädoyer etwa, die Rede vom „Glauben an Christus“ ganz unter den Tisch fallen zu lassen und stattdessen nur noch von „Liebe zu Christus“ zu sprechen: „Nicht dass man nun sagen könnte: Ja, jetzt ist alles einfach - oder verständlich. Es ist gar nichts verständlich, es ist nur nicht unverständlich.“)

          Was an Müllers Leitsatz („Die Kirche ist kein Philosophenclub“) so kompakt wirkt (und aufreizend dem „Zeitgeist“ widerraten soll), wird vom Präfekten selbst dann freilich wieder auf ein Maß gebracht, das sich im Denken orientiert - und ebendeshalb der Philosophie im weitesten Sinne gar nicht entraten kann. An dem Interview fasziniert der beständige Wechsel zwischen brüsker Überzeitlichkeit und eher unwillig zugestandener, aber doch unvermeidlicher Zeitbezogenheit. Auf die Frage: „Woher wissen Sie, was die Wahrheit ist?“ erklärt Müller: „Indem wir die Heilige Schrift als Wort Gottes nach den Regeln einer theologischen und historischen Hermeneutik auslegen.“

          Ein antiintellektueller Sperrgürtel

          Natürlich holt sich Müller mit solch korrekter Dienstbeschreibung den eben noch vom Hals gehaltenen Philosophenclub wieder ins kirchliche Haus hinein, mitsamt seinen geschichts- und literaturwissenschaftlichen Ablegern. Und natürlich ist damit trotz aller Bollwerkrhetorik auch festgehalten, dass Wahrheit nicht anders als im Modus der Annäherung zu haben ist - erst recht, so möchte man sagen, wenn wie im Falle des Christentums die Wahrheit eine Person ist, wenn also zutrifft, was Joseph Ratzinger im zweiten Band seiner Jesus-Trilogie schreibt, „dass Johannes (in seinem Evangelium) nicht einen abstrakten Begriff von Wahrheit vor Augen hat, sondern darum weiß, dass Jesus in Person die Wahrheit ist“.

          Zwei ganz unterschiedliche Weisen von Hermeneutik müssen demnach zusammenkommen, damit der Theologe seinen Glauben bewahren kann, ohne darüber seinen Verstand zu verlieren. Anders gesagt: damit er seinen Job machen kann, ohne dabei (in einem durchaus auch psychopathologischen Sinne) Schaden an seiner Seele zu nehmen. Der Absturz ins nur Geschichtliche des Glaubens ist für den redlichen Exegeten ein naheliegendes Risiko (mit allen berufsethischen Nebenwirkungen, siehe oben). Warum bekennt sich Müller nicht bereitwillig zu dieser offenen Flanke seines Christus-Projekts? Warum zieht er vorderhand um die prekäre, ja nie endgültig zu sichernde Stelle des Glaubens einen antiintellektuellen Sperrgürtel? „Die Glaubenslehre ist keine von Menschen konstruierte Theorie“, sagt er und fährt fort: „So bedeutsam die Philosophie und die wissenschaftliche Forschung für das Verständnis der geoffenbarten Wahrheit Gottes auch sein mögen: Jesus ist in seiner Person Lehrer und Lehre vom Reich Gottes.“

          Ebendrum, so möchte man paradoxerweise mit Ratzinger dagegenhalten. Ebendrum (weil die Wahrheit eine Person ist) sollte man das unentrinnbare konstruktivistische Moment der Glaubenslehre offenlegen - statt es wie Müller als Ausdruck „feinsinniger Distanz“ bloßzustellen oder „als bloße Spiegelung des sich wandelnden subjektiven Bewusstseins von Personen und Kollektiven“ unter Relativismusverdacht zu stellen. Ist die christologische Prämisse nicht notwendig auf historische Befundsicherung angewiesen? Wer, wenn nicht der Philosoph, könnte den auftrumpfenden Historiker zähmen, wenn der sich zum alleinigen Ausleger der heiligen Schriften aufwirft - als wären diese bloß Schriften unter Schriften? Nur als Philosophenclub bleibt die Kirche bei sich selbst.

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