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Glaubensfragen : Unfehlbar in Passau

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Natürlichkeit und Eifer: Fürstin Gloria (l.) und Prinzessin Borghese in Passau Bild: dpa/dpaweb

Der Papstbruder, Fürstin Gloria, Prinzessin Borghese, Gesine Schwan und Odilo Lechner trafen sich im Passauer Gewerbegebiet. Sie sprachen nicht, wie versprochen, über die katholische Kirche im Aufbruch. Und faszinierten doch.

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          Im Passauer Gewerbegebiet Sperrwies reden der Papstbruder und Fürstin Gloria. Nein, kein Schmarrn. Auch die Prinzessin Borghese ist da und Gesine Schwan und der Andechser Alt-Abt Odilo Lechner OSB. Eingeladen wurden sie von der Verlagsgruppe Passau, die die Tageszeitung „Passauer Neue Presse“ herausgibt und sich in Sperrwies ein prächtiges Gebäude hingesetzt hat. Das weit und schwungvoll vorragende Dach über dem Haupteingang definiert den Bau als ein Stück Herrschaftsarchitektur, und das große Schaufenster über diesem Baldachin, das einen Blick hinein in die holzgetäfelte Chefetage und hinaus übers Donautal gewährt, bestätigt den Eindruck: Hier wird hofgehalten im Gewerbepark.

          Unter dem Titel „Menschen in Europa“ bittet die Zeitung zu Podiumsgesprächen mit Prominenten ins Atrium ihres Anwesens. Die Weltläufigkeit der Unternehmung betont die Gesellschafterin der Verlagsgruppe, Angelika Diekmann, in ihrer Begrüßung dadurch, daß sie für ihre Zeitung ein englisches Kürzel verwendet: Sie sagt immer „Pi N Pi“, wenn sie die „Passauer Neue Presse“ meint.

          Fünf Formen der Frömmigkeit

          Befindet sich die katholische Kirche unter Benedikt XVI. im Aufbruch? So lautet die Frage, deren Beantwortung durch die Gäste Moderator Stefan Kulle herbeiführen soll. Leider muß man feststellen: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Wer Gesine Schwan bittet, aus dem Stegreif zu sagen, was sie gesagt hätte, wenn sie Bundespräsidentin geworden wäre und Papst Benedikt auf dem Flughafen Köln-Wahn hätte begrüßen dürfen, bekommt zu Recht keine Antwort. Wer Fürstin Gloria von Thurn und Taxis bittet, wie für einen „Werbespot“ die Eigenschaften Benedikts in dreißig Sekunden aufzuzählen, der erhält vielleicht eine Antwort, aber keine von Belang. Ob die Kirche durch Papsttod und Papstwahl, durch den Weltjugendtag oder durch das Charisma des neuen Papstes dauerhaft neuen Schwung holen könnte, das wäre hier zu erörtern gewesen. Wird es aber nicht.

          Außer Konkurrenz: Georg Ratzinger, der Bruder des Papstes

          Dafür erlebt das Publikum fünf Formen der Frömmigkeit, und das fasziniert dann doch. Georg Ratzinger, der gewissermaßen außer Konkurrenz vom Redakteur Karl Birkenseer befragt wird, verkörpert die mit Heiterkeit gepaarte Demut. Daß die Wahl seines Bruders zum Papst eine Fügung des Heiligen Geistes gewesen sei, habe er sich bemüht und auch gelernt einzusehen. Im übrigen wolle er die verständliche Neugier auf die privaten Seiten ihrer Familie nur sehr pauschal befriedigen, denn „wenn ich aus dem Nähkästchen plaudere, gibt's, glaub' ich, Krach“. Über den Bruder redet Georg Ratzinger aber dann doch so gern, daß er durchblicken läßt, er wisse, wann Benedikt nach Bayern kommen werde.

          Vorzeigen, was einem wichtig ist

          In der von Kulle geleiteten größeren Runde (ohne Ratzinger) ist Alt-Abt Odilo Lechner der liberale Intellektuelle, der sich von Papst Benedikt insofern beeindruckt zeigt, als er auf dem Weltjugendtag authentisch geblieben, sich auch inmitten des Getümmels als nachdenkender und nachdenklicher Mensch erwiesen habe. Benedicere heiße ja „das gute Wort sagen“, und Benedikt könne gewiß ein Papst sein, der mit seinem Wort Gutes bewirke. Das Gespräch Benedikts mit Hans Küng beweise genau jenen Stil, der jetzt nötig sei, auch wenn dabei die Unfehlbarkeit des Papstes auf diejenige Küngs getroffen sei.

          Der These Lechners, katholisch sein heiße, das, was einem wichtig ist, vorzuzeigen, verleiht Alessandra Prinzessin Borghese leibhaftige Evidenz. Mit Leidenschaft ist sie öffentlich katholisch, schwärmt für den Papst und agiert missionarisch. Nicht ein Medienevent sei der römische Massenauflauf in den letzten Tagen des alten Papstes gewesen, sondern eine Pilgerreise, die ihren Höhepunkt am Sarg Johannes Pauls gefunden habe, wo man einen „Augenblick des Paradieses“ habe erleben können. „Wir versammeln uns, um an Jesus Christus zu glauben“, spricht die Prinzessin ins Publikum und bezieht damit so deutlich Stellung, wie sie es sich von allen Katholiken wünscht: „Wir müssen wissen, was wir sind, denn auch die anderen wissen sehr genau, was sie sind.“ Die Eindeutigkeit der eigenen Position ermögliche jenen Dialog mit Islam und Judentum, den Benedikt in Köln so eindrucksvoll fortgeführt habe.

          Fasching ist ja auch ein katholisches Fest

          Zum Bekennertum der Borghese gesellt sich die bodenständige Frömmigkeit der Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, die die letzten Stunden des alten Papstes, wie sie sie zusammen mit der Prinzessin auf dem Petersplatz erlebte, als „ergreifend und spannend“ schilderte. Hört man ihr zu, dann ist praktizierte Frömmigkeit das Natürlichste auf der Welt: Natürlich bete sie mit ihren Kindern, wie das auch ihre Eltern mit ihr getan hätten. Und einmal die Woche gehe es in die Kirche. Sie sei immer schon gläubige Katholikin gewesen. Auch während ihrer wilden Jahre? Nun, Fasching sei ja auch ein katholisches Fest.

          Der robusten Selbstverständlichkeit der Fürstin setzt Gesine Schwan ihre quasi protestantische Version des Katholizismus entgegen - es ist kein Zufall, daß sie von allen für evangelisch gehalten wird, obwohl sie katholisch ist. Auf die leidenschaftlichen Appelle Alessandra Borgheses erwidert sie, sie assoziiere mit „Aufbruch“ vor allem „Umkehr“. Sie spricht von der Vorbildhaftigkeit des eigenen Lebens, die so schwer zu erlangen sei, und immer wieder von der persönlichen Erfahrung des Glaubens. Einen Zugang zur emotionalen Massensituation auf dem Petersplatz habe sie nicht gefunden.

          Demut, Intellekt, Eifer, Natürlichkeit, Innerlichkeit. Ob sich die Kirche im Aufbruch befindet, ist in Passau nicht geklärt worden. Aber man konnte beobachten, daß fünf bewährte Ingredienzien katholischer Religiösität noch vorhanden sind.

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