https://www.faz.net/-gqz-tp4v

Glauben : Deutsche Jugend ohne Gott

  • -Aktualisiert am

Jugendliche in Europa und ihr Verhältnis zur Kirche: Kein einheitliches Bild Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Nur jeder vierte Heranwachsende hierzulande ist religiös. Polen und Türken sind viel gläubiger. Das mag nicht zuletzt an der Erziehung liegen. Denn anderswo ist Eltern weitaus mehr daran gelegen, daß Kinder Glauben und Wertvorstellungen übernehmen.

          2 Min.

          Wer glaubt schon an das Jüngste Gericht? Und wer ist überhaupt noch religiös? Ganz unterschiedlich lauten die Antworten, wenn man junge Europäer danach fragt, wie sie es denn mit der Religion halten. Der Würzburger Religionspädagoge Hans-Georg Ziebertz und sein Team haben das getan - und heraus kam, daß nur 23 Prozent der deutschen Jugendlichen aus einem religiösen Elternhaus kommen und sich als religiös bezeichnen.

          Bei den Türken sind es 81, bei den Polen 80 Prozent. Der Wissenschaftler schlußfolgert: „Der Islam hat nach wie vor einen großen Einfluß auf junge Menschen, während die Bindungskraft des Christentums in Europa vergleichsweise schwach ausgeprägt ist.“

          Schulen haben Einfluß auf die religiöse Entwicklung

          Zehntausend junge Leute in ganz Europa waren Gegenstand der Studie. In dieser stellte sich heraus, daß in der Gruppe der traditionell christlichen Länder Jugendliche aus Polen, Kroatien und Irland am religiösesten sind. Jugendliche aus protestantischen Ländern wie Finnland und Schweden hingegen gehören wie die Deutschen, Briten und Niederländer zu den weniger religiösen.

          Diese Jugendlichen gehören mit ihrem Glauben zu einer Minderheit in Deutschland
          Diese Jugendlichen gehören mit ihrem Glauben zu einer Minderheit in Deutschland : Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

          Das mag nicht zuletzt an der Erziehung liegen: So sagen 97 Prozent der befragten Türken und 96 Prozent der Polen, ihren Eltern sei sehr daran gelegen, daß sie ihren Glauben und ihre Wertvorstellungen übernähmen. In Deutschland sagen das nur 14,1 Prozent. Und nicht nur die Eltern, auch die Schulen haben bekanntlich großen Einfluß auf die religiöse Entwicklung der Kinder: 80 Prozent der Polen und 70 Prozent der Türken meinen, der ideale Religionsunterricht sei derjenige, der sie näher an Kirche beziehungsweise Islam führe; in Deutschland finden das nur 17,8 Prozent.

          Gott als eine ferne Kraft

          „Das Interesse an der Religion ist aber gleichwohl da“, gibt Religionspädagoge Ziebertz zu bedenken. So sind 81,6 Prozent der deutschen Jugendlichen dafür, daß im Schulunterricht sachlich über die Religionen informiert wird, genauso wie 76 Prozent der Türken. Der Wissenschaftler schließt daraus, die jungen Leute von heute wünschten sich, daß in der Religion dasselbe gelten müsse wie in allen anderen Lebensbereichen des demokratischen Westens auch: Vielfalt und Pluralität.

          So glaubten die meisten Jugendlichen ja auch durchaus an einen Gott - atheistisch seien sie nicht. Doch sei dieser Gott eine ferne Kraft. „Das ist also nicht der Gott, dessen Menschwerdung Christen an Weihnachten feiern“, erklärt der Wissenschaftler. Ob auch darum die meisten Jugendlichen die Vorstellung ablehnen, die eigene Religion sei einer anderen überlegen? Nur sechs Prozent der befragten Deutschen meinen, die eigene Religion sei die einzig wahre; bei den Türken sind es 68 Prozent.

          Junge Leute lernen, Konflikte gewaltfrei zu lösen

          Auffallend ist, daß die Studie auch einen Zusammenhang zwischen Religiosität und Gewaltbereitschaft behauptet. So äußern in Deutschland nur 3,5 Prozent der männlichen und 0,7 Prozent der weiblichen Jugendlichen, sie seien unter Umständen bereit, Gewalt gegen Sachen oder gar Personen anzuwenden. In Polen sagen das 22 Prozent der jungen Männer, in Irland 17, in Kroatien 13 und in der Türkei 11,1 Prozent.

          „Gewaltbereite Jugendliche finden in autoritären, religiösen Strukturen einen Partner mit ähnlichen Denkmustern“, meint Ziebertz. Doch können auch diese jungen Leute lernen, Konflikte gewaltfrei zu lösen - etwa wenn sie in ein anderes Land kommen: So äußern sich von den in Deutschland lebenden jungen Türken nur noch 7,6 Prozent gewaltbereit.

          Weitere Themen

          Der digitale Impfpass geht an den Start

          F.A.Z.-Frühdenker : Der digitale Impfpass geht an den Start

          Die Kultusminister beraten, wie der Start ins neue Schuljahr nach den Ferien gelingen soll. Der Gesundheitsminister erklärt, wie der digitale Impfpass funktioniert. Und die Deutschen sind noch reicher geworden. Der F.A.Z.-Newsletter für Deutschland.

          Topmeldungen

          Tesla-Chef Elon Musk steht vergangenen September auf der Baustelle der Tesla Gigafactory in Brandenburg.

          Tesla-Chef : Musk gibt Bitcoin wieder Aufwind

          Ein Tweet reicht von ihm reicht für deutliche Kursausschläge: Elon Musk deutet an, Bitcoin sei als Zahlungsmittel für Tesla noch nicht gestorben. Prompt schießen Kryptowährungen in die Höhe.
          Teilnehmer einer Kundgebung gegen die Corona-Maßnahmen stehen am 29. August 2020 vor dem Reichstag in Berlin — darunter auch ein Teilnehmer, der die Reichsflagge hochhält.

          Vor Innenministerkonferenz : Deutsche Reichsflagge soll verboten werden

          Die Innenminister wollen mit einem Mustererlass das Zeigen bestimmter ehemaliger deutscher Flaggen untersagen. Rechtsextremisten nutzen etwa die Reichsflagge von 1892 als Ersatzsymbol für die verbotene Hakenkreuzflagge.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.