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Sprache im digitalen Zeitalter : Mit Poesie überleben

Durch die flächendeckende digitale Kommunikation entfernen wir uns immer mehr vom Urquell der Sprache: der Mundart. Bild: dpa

Auf dem Berliner Poesiefestival dachte der italienische Philosoph Giorgio Agamben laut über Verlust und Rettung der Sprache im digitalen Zeitalter nach. Kann Dichtung einen Weg aus der Krise weisen?

          3 Min.

          Es war ein denkwürdiger Auftritt des italienischen Philosophen Giorgio Agamben, der in diesem Jahr im Rahmen des Projekts „Dedika“ für eine knappe Woche Ehrengast des Italienischen Kulturinstituts Berlin ist. Auf dem Berliner Poesiefestival redete er am gestrigen Sonntag so abstrakt und kenntnisreich wie eindrucksvoll über die politische Macht der Sprache, ohne sie – wie das vornehmlich bei den Inquisitoren einer angeblich allumfassend politisch korrekten Sprache sonst häufig anzutreffen ist – in einer Weise zu politisieren, die ein sinnvolles Sprechen unmöglich macht.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Sprache blieb hier immer auch ein ästhetisches Erleben, eine sinnliche Erfahrung, in der zugleich Agambens politisches Koordinatensystem vermittelt ist. Dabei geht es ihm nie ausschließlich um das Schöne. Er hege Misstrauen gegenüber der Kategorie der Ästhetik, auf die man Sprache nicht reduzieren könne. Dichtung, und darin liegt für ihn ihre besondere gesellschaftliche Kraft, lasse die Sprache leben – in einer Zeit, die durch Hassreden, Fake News und sprachliche Defizite im Internet und in den sozialen Netzwerken gekennzeichnet sei.

          Der Rahmen für diese Sprachanalyse ist auch, gemessen an Agambens bisherigen Schriften, hochpolitisch: Mit seiner Theorie des Ausnahmezustandes in seinem Hauptwerk „Homo sacer“ wurde der siebenundsiebzigjährige Philosoph einem internationalen Publikum bekannt. „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“, schrieb 1922 bekanntermaßen Carl Schmitt, mit dem Agamben sich intensiv auseinandergesetzt hat. Der Ausnahmezustand ist für ihn aber nicht bloß eine vergangene Erscheinung, die den Weg zu totalitären Herrschaftsformen ebnet. Agamben zeichnet Prozesse der Entmenschlichung nach, die Menschen auf ihr „nacktes Leben“ reduzieren – und zwar in der Gegenwart, namentlich durch die Folterpraktiken im Gefangenenlager Guantánamo und im Gefängnis von Abu Ghraib.

          Sprache kann Gesellschaft verändern

          Bis heute bietet Agamben mit diesem ungewöhnlichen Zugriff Anknüpfungspunkte für eine radikale Kritik der Gesellschaft. Ein aktuelles Beispiel dafür ist das gerade auf Deutsch erschienene Buch „Gegenrevolution“ des Politik- und Rechtswissenschaftlers Bernard E. Harcourt: eine Analyse über die schleichende Zersetzung der amerikanischen Demokratie, in der der Ausnahmezustand zur Regel geworden ist.

          Sprache wirkt in diesem von Agamben skizzierten Gefüge als mächtiges Instrument, das aber nicht nur anfällig für politische Manipulation ist, sondern aus dem eine produktive Kraft zur gesellschaftlichen Veränderung erwachsen kann. Dichtung hält Sprache am Leben, sie bewahrt, was durch die Digitalisierung unterzugehen droht. Sie ist im besten Sinne das, was Kulturstaatsministerin Monika Grütters in ihrer Würdigung des Poesiefestivals als „schöpferische Kraft der Poesie gegen die Diskursvergiftung“ bezeichnet hat. Agamben warnte vor den digitalen „Geräten und Gerüsten“, die die Sprache tief verwandelt hätten. Digitalisierte Sprache verliere durch die schriftliche Dauerkommunikation jeden Bezug zu ihrem Quellgrund, den er im Dialekt, in der Mundart erkennt.

          Widerstand gegen die Verrohung der Rede

          Jeder Poesie sei eine Zweisprachigkeit immanent – es gebe den Dialekt und die grammatikalisch regulierte Sprache, die zur Technokratie und politischen Propaganda verkommen könne. Mit der Schulbildung und der Alphabetisierung verlören wir das rein Mündliche der Sprache. Dichtung finde im Freiraum zwischen dem Mündlichen, dem Dialekt, und der Standardsprache statt. Sie ist somit, wenn man diese Verortung politisch begreift, ein Hort des Widerstands, eine Kunst, die der Manipulation durch Fake News und einer Verrohung der Rede entzogen ist. Agamben bezeichnet diese Beweglichkeit der Poesie als „Bilinguismus“. Dieser lasse Sprache nicht sterben, sondern erzeuge etwas Neues: die „kommende Sprache“.

          Unergründet blieb, inwieweit dieses „Sprechen im Entstehen“ denjenigen begreifbar gemacht werden kann, die, wie der Philosoph Asmus Trautsch in seiner Einführung hervorhob, der Sprache Gewalt antun. Widerstand gegen die Verrohung der Rede, gegen die Zerstörung von Ambivalenz und die Verbreitung von Lügen müsse immer auch aus der Dichtung, dem poetischen Sprechen kommen. Die Brücke zu einem breiter gefassten Nachdenken über Poesie schlug dabei Agamben, der, wie Trautsch sagte, die Dichtung philosophisch befrage und sie mit Leben fülle.

          In seinem hochkomplexen Vortrag zeigte Agamben das, was der Leiter des Poesiefestivals, Thomas Wohlfahrt, als Kreation im Sinne des Dreisatzes von Zarathustra beschrieb: „gute Gedanken, gute Worte, gute Taten“. Mehr von einer so verstandenen Poesie wünschte man sich in aktuellen öffentlichen Diskursen, die von einer allgemeinen sprachlichen Verarmung und Verengung des Denkens befallen sind.

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