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Islamismusexperte Gilles Kepel : Ihr Ziel ist der Bürgerkrieg

  • -Aktualisiert am

Zeichen der Trauer am Zaun der Gasfabrik in Saint-Quentin-Fallavier Bild: AFP

Mit den neuen islamistischen Attentaten ist ein Mann wieder einmal zum gefragtesten Experten Frankreichs geworden: der Soziologe Gilles Kepel. Bei einem Besuch in seinem Pariser Büro erklärt er die Logik hinter den Angriffen von Lyon und Tunesien.

          Am Freitag war wieder so ein Tag, an dem das Telefon von Gilles Kepel nicht stillgestanden hat. In der Nähe von Lyon wurde ein Mann enthauptet und sein Kopf auf einen Pfahl gesteckt - „die erste dschihadistische Enthauptung auf europäischem Boden“, sagt Kepel, der als führender Islam-Experte seines Landes immer dann zu Rate gezogen wird, wenn es darum geht, den Franzosen (und uns) den Islamismus zu erklären. Auch jetzt ist Kepel um keine Antwort verlegen. Ob ihn die neuerlichen Attentate in Lyon und Tunesien überraschen? „Nein“, sagt er und klingt dabei eher, als würde er sich über die Frage wundern, „sie entsprechen vollkommen der Logik des gegenwärtigen Dschihadismus.“ Beide träfen die Länder an ihren jeweils empfindlichsten Stellen: Tunesien genau dort, wo es sich das größte, dringend benötigte Wirtschaftswachstum versprach, also im Tourismus, und Frankreich an einer der wichtigsten Schaltstellen der Integration von Einwanderern. Offenbar habe ein junger Mann seinen Chef geköpft, sagt Kepel. „Einen wie ihn wird niemand mehr einstellen.“

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Welch perfide Logik hinter solchen Anschlägen steckt, ist seit mehr als dreißig Jahren eine der Fragen, mit denen sich Kepel beschäftigt. Zwar hatte der Soziologe im Jahr 2000 noch ein Buch veröffentlicht, in dem er dem Islamismus den Untergang prophezeite. Seit dem Einsturz der Twin Towers in New York und seit er im selben Jahr begann, als Professor an der Pariser Universität Sciences Po zu lehren, hat er aber ein gutes Dutzend Bücher zum politischen Islam, zu den Lebensumständen in Pariser Vorstädten oder zur Lage in jenen Ländern geschrieben, von denen aus 2011 die arabische Revolution ihren Ausgang nahm.

          Extreme Schwankungen im Interesse an seiner Arbeit

          Er kennt beide Welten: den Orient und die spezifische Anverwandlung seiner Lebensformen in Frankreich. Und wenn von den Reisen in diese beiden Welten in seinem Büro im feinen siebten Pariser Arrondissement nur so wenige Spuren zu entdecken sind, dann vielleicht, weil Kepel neben seinen unbestreitbar tiefen Kenntnissen ein recht gutes Gespür für die eigene Vermarktung zu besitzen scheint. Im Regal steht jedenfalls ein Foto, das ihn im Gespräch mit dem früheren deutschen Außenminister Joschka Fischer zeigt. „Es gibt Fotos von mir und allen möglichen arabischen Potentaten“, sagt er. Auch eines von ihm und Jassir Arafat: „Aber das habe ich weggeräumt, als einmal eine israelische Delegation zu Besuch kam.“ Nun, da ein deutscher Gast ihn besucht, passt Joschka Fischer natürlich sehr gut.

          Früher hatte er vierzig Doktoranden, heute einen: der Soziologe Gilles Kepel.

          Kepel ist ein kleiner Mann, der leise, in fast druckreifen Sätzen spricht und das Gespräch dabei zuweilen in eine Art Privatvorlesung verwandelt. Dabei hat er, der an diesem Dienstag sechzig Jahre alt wird, im Laufe seiner Karriere oft genug erlebt, dass das Interesse an seiner Arbeit extremen Schwankungen unterliegt. Nach den neuerlichen Anschlägen sind seine Einschätzungen wieder so gefragt, wie sie es im Januar nach dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ waren. In den Tagen nach dem 7. Januar war Kepel in Frankreich auf allen Kanälen zu hören. Als Redner, erzählt er, sei er danach zu vielen Veranstaltungen ein-, später allerdings wieder ausgeladen worden.

          Das Ergebnis zweier sich kreuzender Entwicklungen

          Auch Politiker versicherten ihm immer wieder, wie wichtig und interessant seine Arbeit sei. „Ich kenne sie ja alle, ich treffe sie, auch den Präsidenten der Republik.“ Aber wenn es konkreter wird, wenn es etwa um neue Forschungsfelder gehe, um Gelder, um strukturelle Veränderungen in den betroffenen staatlichen Institutionen, lässt Kepel kein gutes Haar an den Verantwortlichen. Die Bürokratie, die von den Absolventen der Ena, also der französischen Kaderschmiede für hohe Beamte, durchdrungen sei, verschleiere lieber die Dinge, als sich selbst in Frage zu stellen. „Es wird nichts getan, was der Größe der Herausforderung entspricht.“

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