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Islamismusexperte Gilles Kepel : Ihr Ziel ist der Bürgerkrieg

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Gilles Kepel ist der Überzeugung, dass wertvolle Zeit verloren wurde. Denn folgt man seinen Thesen, dann sind die diesjährigen Anschläge in Frankreich das Ergebnis zweier sich kreuzender Entwicklungen, von denen eine ihren Ausgangspunkt in der arabischen Welt nahm, während die andere ein spezifisch französisches Problem beschreibt. Entscheidend für die erste Entwicklung sei ein Manifest, das der syrische Ideologe Abu Mussab Al-Suri im Januar 2005 über das Internet verbreitete und das Kepel als eine Art Gebrauchsanweisung für Dschihadisten interpretiert. Al-Suri habe nicht mehr, wie es Al Qaida noch tat, die Vereinigten Staaten, sondern vor allem Europa als Ziel genannt, das es zu treffen gelte - und zwar von innen, mit Hilfe jener Immigrantenkinder, die in Europa leben, aber schlecht in seine Gesellschaften integriert sind. Diese Leute sollten angeworben, ausgebildet und zu Attentaten animiert werden. Ihre Anschläge würden dann für eine Radikalisierung der westlichen Gesellschaften sorgen (wie sie sich, so Kepel, im Erstarken rechtsradikaler Parteien quer durch Europa auch schon zeige), was wiederum die friedlichen Muslime in Bedrängnis bringen und in die Arme der Dschihadisten treiben werde. So ließen sich in Europa bürgerkriegsähnliche Zustände anzetteln.

Wir wissen nicht einmal, wie Radikalisierung vonstattengeht

Dass sich ausgerechnet Frankreich besonders dafür eigne, führt Kepel auf die Besonderheiten der dritten Einwanderergeneration in seinem Land zurück. Sie hat er bereits in seinem 2013 erschienenen Buch „Quatre-vingt-treize“ (Dreiundneunzig) als „Söhne“ bezeichnet, die sich von der zweiten (den „Brüdern“) und ersten Generation (den „Vätern“) vor allem durch ihre Ablehnung republikanischer Werte unterschieden. Ihr Ziel, so schrieb er damals, sei es gerade nicht mehr, einen Platz in der Gesellschaft zu erobern, in sie integriert zu werden. Sie empfänden Integration vielmehr als Angriff auf ihre Identität und lehnten mit ihr auch die vor allem laizistische Republik als Ganzes ab. Folglich stießen salafistische Ideen bei ihnen auf offenere Ohren. Mehr noch: Es handele sich zwar letztlich nur um eine kleine Gruppe, vielleicht um tausend Personen. Aber Kepel sagt heute: „Sie haben das öffentliche Bild des Islams in Frankreich in ihre Gewalt gebracht.“

Gleichwohl, und hier nutzt Kepel durchaus die Gelegenheit, um für seine Forschung zu werben, glaubt er noch immer, viel zu wenig über die vielfältigen Beweggründe der jungen Leute zu wissen. „In Frankreich reden jetzt alle von Deradikalisierung, aber das ist eine fixe Idee! Wir wissen nicht mal, wie die Radikalisierung vonstattengeht.“ Denn von den dreitausend Dschihadisten, die von Frankreich aus in den Krieg auf die syrischen und irakischen Schlachtfelder zogen, sollen etwa 25 Prozent Konvertiten und dreißig Prozent Frauen sein. „Dieser Bewegung gehören nicht nur kleine maghrebinische Drogendealer, sondern auch Leute aus der Mittelschicht und sogar konvertierte Juden an.“ So wie der 23 Jahre alte Raphael Amar, dessen Familie jüdischen Glaubens ist und der im Sommer 2014 aus dem südfranzösischen Städtchen Lunel nach Syrien aufbrach, wo er wenige Monate später ums Leben kam. Auf ihn weist Kepel auch deswegen besonders hin, weil dessen Vater einer der wenigen war, mit denen er im Laufe seiner Recherche überhaupt sprechen konnte.

Alles, was ihm geblieben ist

Denn als Ursachen der Radikalisierung spielen zwar die vor allem in den gettoisierten Vorstädten verbreitete Arbeitslosigkeit, die Armut und die geringen Bildungs- und Aufstiegschancen eine Rolle. Daneben aber möchte Kepel auch familienpsychologische Faktoren einbeziehen: Wenn er die Eltern der in den Dschihad gezogenen Jugendlichen treffe, habe er es fast ausschließlich mit Müttern zu tun, weil die Väter die Familien längst verlassen hätten. Und außerdem fasst Kepel auch eine größere soziologische Dimension ins Auge: „Was sagt uns das alles über die französische Gesellschaft jenseits der Banlieues?“ Seine Antwort ist ernüchternd: „Ich weiß es nicht.“

Was wäre also zu tun? Ein Schritt, der nicht nur, aber vor allem ihm sicher am geeignetsten erschiene, könnte die Wiedereinrichtung seines alten Lehrstuhls sein. 2010, nur wenige Wochen bevor sich in Tunesien ein Gemüsehändler öffentlich in Brand steckte und damit den Arabischen Frühling auslöste, ist der Lehrstuhl für arabische Studien an Sciences Po aufgelöst worden. „Das hier“, sagt Kepel und weist in den zugegeben kleinen Raum, „ist alles, was mir geblieben ist.“ So schlecht ist dieses Büro zwar nicht, das im obersten Stock eines alten Palais im Herzen der Stadt, dabei allerdings doch so ruhig liegt, dass von draußen nur Vogelgezwitscher zu hören ist. Aber von den ehemals vierzig Doktoranden, die er betreut habe, ist tatsächlich nur noch einer im Nebenzimmer zu sehen. Daran, sagt Kepel, hätten weder die arabische Revolution noch die Pariser Attentate etwas geändert. Er scheint sich darüber indes nicht mehr zu wundern.

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