https://www.faz.net/-gqz-9oavv

Giffey und das Plagiat : Systematisch getäuscht

  • -Aktualisiert am

Franziska Giffey spricht im Gästehaus der niedersächsischen Landesregierung vor Medienvertretern. Bild: dpa

Familienministerin Giffey beruft sich bei den gegen sie erhobenen Plagiatsvorwürfen auf die amerikanische Zitierweise. Das hilft ihr nicht weiter.

          3 Min.

          Der amerikanische Traum besagt, dass es jedem Menschen möglich sein soll, seine Ziele durch eigene Anstrengung zu erreichen. Bis heute werden Anstrengung und Integrität in den dortigen Hochschulen erwartet und gefordert. Umso mehr erstaunt es, dass sich Familienministerin Franziska Giffey mit dem Hinweis auf eine „amerikanische Zitierweise“ der Plagiatsvorwürfe bezüglich ihrer Dissertation entledigen will, wie der „Spiegel“ berichtet. Bei dieser angeblich von der Doktormutter vorgegebenen Zitierweise sollen die Verweise auf andere Werke „deutlich weniger detailliert ausfallen als im deutschen Stil“.

          Auf welchen Zitationsstil sich Giffey genau beruft, ist bisher unklar. Allgemein gibt es viele Alternativen, die drei gebräuchlichsten sind der von Giffey nicht verwendete „Chicago-Style“ mit Fußnoten, die Zitierweise der American Psychological Association (APA) und das oft praktizierte System der Modern Language Association (MLA), bei dem Belege mit Klammern in den Text integriert werden. In Deutschland wird dann gelegentlich von einem „Harvard-System“ gesprochen. Welches Zitiersystem hat die SPD-Politikerin gewählt? Für den Juristen und früheren Leiter des Berliner „Großbritannien-Zentrums“ Gerhard Dannemann spricht vieles dafür, dass sich Giffey am MLA-Stil orientieren wollte.

          Doch entfallen die Plagiatsvorwürfe, wenn man diese Zitierweise zugrunde legt? Ein Kritikpunkt an Giffey ist, dass sie ihre Quellen im laufenden Text in Klammern zwar mit Autorenname und Erscheinungsjahr angibt, allerdings ohne Seitenzahl. Für Bela Gipp, Experte für Data und Knowledge Engineering an der Universität Wuppertal, ist das kein großer Makel. Er meint, dass die Angabe einer Seitenzahl nicht zwingend und in Fächern wie Informatik eher unüblich sei. Nun wurde Giffey allerdings in der Politikwissenschaft promoviert.

          Der Blick ins Handbuch

          Deswegen verweist Manuel René Theisen von der LMU München darauf, dass eine auf Seitenzahlen verzichtende Giffey sichergestellt haben müsste, nichts indirekt aus Fremdtexten zu übernehmen: „Höchst unwahrscheinlich, um nicht zu sagen unmöglich“, meint der Autor eines Standardwerks zu wissenschaftlichem Arbeiten. „In angelsächsischen Ländern wird zwar häufig auf ganze Bücher verwiesen, aber dies nur als weiterführende Literatur, nicht bei wörtlicher oder indirekter Zitatübernahme.“ Auch im MLA-Regelwerk sind Seitenzahlen für wörtliche Zitate und Paraphrasen ausdrücklich vorgesehen, insofern die referenzierte Quelle Seitenzahlen besitzt.

          Giffey hätte sich in den Jahren ihrer Doktorarbeit im MLA-Handbuch über diese Regeln informieren können. Das damals in 6. Auflage vorliegende Buch wurde von mehreren Berliner Bibliotheken geführt, es enthielt ein ganzes Kapitel zu geistigem Diebstahl: „Selbst wenn man sich nur ein paar Worte von einem Autor leiht, ohne deutlich zu sagen, dass man es getan hat, ist das ein Plagiat.“ Gegen diese Regel hat Giffey mindestens 48 Mal verstoßen.

          Dabei wusste sie, dass wörtliche Übernahmen gekennzeichnet werden müssen, da sie an anderen Stellen genau so verfährt. Später heißt es im Handbuch: „Es ist wichtig zu beachten, dass man die Worte eines Autors nicht kopieren muss, um sich des Plagiats schuldig zu machen; wenn man die Ideen oder Argumente von jemandem umschreibt, ohne die Herkunft anzugeben, hat man ein Plagiat begangen.“ Auch das ist in Giffeys Arbeit geschehen, etwa bei den Übertragungen von Gedanken aus drei Wikipedia-Artikeln.

          Im Kern gilt international ein einheitlicher Standard

          Darüber hinaus hatte die SPD-Politikern eine Erklärung unterschrieben, dass sie „alle verwendeten Hilfsmittel und Hilfen angegeben und auf dieser Grundlage die vorliegende Arbeit selbständig verfasst hat“. Diese Erklärung ist inzwischen durch Analysen der Rechercheplattform „VroniPlag Wiki“ widerlegt, was durch den Verweis auf einen bestimmten Zitierstil nicht geheilt werden kann. Denn in mindestens 72 Fällen gibt Giffey zum Teil oder in Gänze Quellen an, die willkürlich gewählt sind oder mit denen sich ihre Aussagen (so) nicht belegen lassen.

          Auch das ist nach keiner amerikanischen Zitierweise zulässig, außer Giffey würde sich auf die mögliche Praxis in abseitigen Einrichtungen wie der damals noch existierenden Trump University berufen wollen. Für Theisen ist daher Giffeys Verstoß gegen die Prüfungsordnung der Freien Universität weiterhin eindeutig: „Fehlerhafte Quellenangaben und Übernahme von teils fehlerhaften Referenzen sind auch in den Vereinigten Staaten unwissenschaftlich. Sonst ist eine Kontrolle nicht möglich, und dem Betrug wären Tür und Tor geöffnet.“

          Gipp meint, dass vereinzelte Fehler passieren könnten, „aber wenn es eine Systematik hat, dann ist dies natürlich unwissenschaftlich – überall in der Welt“. Norman Meuschke von der Universität Wuppertal ergänzt, dass die verschiedenen in den Vereinigten Staaten verwendeten Zitierstile keine Unterscheidung dahingehend machen würden, was zu zitieren ist. „Es gilt der international einheitliche Standard, dass alle wörtlichen oder sinngemäßen Übernahmen zu kennzeichnen und mit Quellenangaben zu belegen sind.“ Giffeys Vorstellung eines Titelerwerbs ohne adäquate Anstrengung erscheint nach alledem unwissenschaftlich und unamerikanisch. Amerika ist zu groß für kleine Träume.

          Weitere Themen

          Das große Dazwischen

          Neue Nowitzki-Biografie : Das große Dazwischen

          Thomas Pletzingers umwerfende Biografie „The Great Nowitzki“ erzählt die Geschichte der Würzburger Basketballegende Dirk Nowitzki. Im Interview verrät der, wie er sich sein Leben zwischen Deutschland und Dallas künftig vorstellt.

          Die Lunge im Kirchenfenster Video-Seite öffnen

          Göttlicher Odem : Die Lunge im Kirchenfenster

          Ein katholisches Gotteshaus in München brauchte neue Glasfenster. Zum Zug kam ein Künstler, der ein Stück Medizinalltag in ein Symbol für Leben und Vergänglichkeit verwandelte.

          Topmeldungen

          Wahl in Thüringen : Die AfD und die Abgehängten

          Björn Höcke ist unter den thüringischen Wählern nicht gerade beliebt. Viele wollen ihre Stimme trotzdem der AfD geben. Ein Besuch in einer ihrer Hochburgen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.