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Intellektuelle in der Pandemie : Das Virus ist viral

  • -Aktualisiert am

Living in a Ghost Town: Der leere Times Square in der Corona-Pandemie. Bild: Reuters

Du kannst Google nur fragen, was du schon weißt: Ein Telefongespräch zwischen dem Dramaturgen Carl Hegemann (Berlin) und dem Kulturtheoretiker Boris Groys (New York) über die Infektion des Intellekts im Internet.

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          Carl Hegemann: Du unterrichtest jetzt seit elf Jahren in New York an der Universität. Und auf einmal ist New York das Epizentrum einer neuen globalen Seuche, gegen die es noch kein Mittel gibt und die unser Leben stark verändert. Was bedeutet das für deinen Alltag in Manhattan? Gehst du schon wieder raus?

          Boris Groys: Nein. Ich gehe nicht raus, empfange auch keinen Besuch, ich habe keinen Kontakt nach außen, ich habe seit fast zwei Monaten niemanden getroffen. Ich sehe überhaupt niemanden.

          Hegemann: Hier sagen viele, das Ganze sei nur ein Vorwand für die Beschneidung individueller Freiheitsrechte, Corona sei nicht mehr als ein gewöhnlicher Grippevirus. Auf Demonstrationen fordern sie die Rücknahme sämtlicher Einschränkungen ...

          Groys: Das ist vollkommen absurd. Die Sache ist klar; alle wissen, dass es absurd ist, die Gefährlichkeit des Virus zu leugnen. Aber auf der anderen Seite muss man dann trotzdem solche Absurditäten behaupten, weil man befürchtet, dass die Wirtschaft zusammenbricht. Man nimmt in Kauf, dass ein gewisser Prozentsatz der Menschen stirbt, weil sonst alles kollabiert. Gut, das verstehe ich, aber ich möchte nicht ein Teil davon sein, und deswegen bleibe ich zu Hause.

          Hegemann: Viele fürchten, ein Ausnahmezustand von solcher Länge würde zu einem irreversiblen Niedergang unseres Wirtschafts- und Sozialsystems führen.

          Groys: Nein, der findet schon ohnehin statt. Das letzte Jahrzehnt hat die größte Verlagerung des Eigentums und des Reichtums in der Geschichte der Menschheit hervorgebracht, die Verlagerung von der alten Ökonomie zu den sogenannten Tech Corporations, zur neuen Ökonomie, zu Firmen wie Apple, Facebook und Microsoft.

          Hegemann: Also zu der digitalen Social-Media-Technologie, die es dir zum Beispiel ermöglicht, deine Seminare auch in Zeiten der Coronaviren abzuhalten. Als international gut vernetzter Akteur profitierst du doch von dieser neuen Ökonomie.

          Groys: Ja, vielleicht, ich war aber auch schon vor der digitalen Wende bekannt. Du kannst bei Google nur nach dem fragen, was dir schon bekannt ist. Alles wird tautologisch. Das Ende der traditionellen Wirtschaft ist auch das Ende der traditionellen Kultur. Stattdessen haben wir jetzt eine neue Kultur, die Online-Kultur, die Kultur der Verbreitung dessen, was immer schon da war.

          Hegemann: Die körperliche Distanz, die das Virus erzwingt, wirkt jedenfalls wie eine riesige Marketingveranstaltung für das Internet.

          Groys: Ja. Aber es ist noch mehr. Das Virus ist ja genau das, was diese Internetkultur immer als ein Ideal betrachtet hat. Wenn man kunstinteressierte Leute fragte, was sie tun wollen, dann haben sie immer gesagt: viral gehen, ein virales Video machen, einen viralen Text schreiben. Für die neue Internetkultur bezeichnet das Wort Virus ein kulturelles Ideal, und dieses Ideal gibt es schon, seit man in der Moderne begann, wie Tolstoi oder Malewitsch Kunst und Kultur als Formen bakterieller Infektion zu verstehen. Und nun kommt das Coronavirus als Apotheose der Viralität. Es kommt hier tatsächlich zu einer intimen Einheit, Kollaboration und Symbiose von Internet und Virus. Corona ist wirklich das Königsvirus. Es trägt die Krone im Namen.

          Das Virus ist viral geworden. Keiner spricht mehr über Lady Gaga, wir sprechen nur über das Virus, es ist der Star unserer Internetkultur geworden. Weil es unseren Körper krank machen kann, halten wir uns das Virus vom Leibe und verlegen unsere Kontakte ins Internet, aber im Internet gibt es nur ein zentrales Thema: das Virus. Wir schützen unseren Körper vor dem Virus, und das hat zur Folge, dass uns das Virus auf der Ebene des Geistes total infiziert. Das ist die Realität.

          Hegemann: Oder das Ende der Realität?

          Groys: Wenn ich sage, ich kann meine Hand nicht ins Feuer legen, ohne dass ich mich verbrenne, beziehe ich mich auf eine äußere Realität, die mich begrenzt. Realität ist immer Begrenzung, real ist das, worüber wir keine Macht haben. Das Coronavirus ist real, solange es uns begrenzt. Indem wir diese Begrenzung anerkennen, erkennen wir die Realität an. So jedenfalls hat Realität bis jetzt für uns funktioniert. Aber nun ist unser Denken und auch unser Fühlen von der Internetverbreitung infiziert. Und wir erleben eine Verlagerung des Virus vom Körperlichen zum Geistigen, von der physischen Realität zur digital vermittelten Spiritualität. Das Spirituelle begreift sich aber traditionell anders als das Physische nicht als begrenzt, sondern als unbegrenzt.

          Boris Groys
          Boris Groys : Bild: Picture-Alliance

          Das Virale war der Weg, durch den sich unsere Zukunftsträume und Wünsche erfüllen sollten. Das heißt, das Virus, mit dem wir es jetzt zu tun haben, ist eigentlich die Einlösung unserer Utopien. Das Virus sorgt für den totalen Umweltschutz, weil es die klassische Industrie, die die Welt verpestet mit Flugzeugen, Autos, Kreuzfahrtschiffen zum Stillstand gebracht hat. Das Öl kostet nichts mehr, niemand benutzt es. Das Virus hat erreicht, was Greta Thunberg nicht erreicht hat: die Stilllegung der traditionellen Wirtschaft und den globalen Umweltschutz. Das Virus ist die größte Umweltschutzmaßnahme, die es je gegeben hat. Aber immer, wenn Menschen sehen, dass ihre Wünsche und utopischen Vorstellungen realisiert werden, dann sind sie schockiert und werden sehr schnell unzufrieden. Und klammern sich an das, was sie vorher bekämpft haben. Aber das ist normal, das passiert immer in solchen Situationen.

          Hegemann: „Der Beginn alles Neuen ist der Schrecken.“

          Groys: Ja, es beginnt ein neues utopisches Zeitalter. Wir stehen am Anfang einer neuen Spiritualisierung oder besser gesagt einer Quasi-Spiritualisierung, die vergisst, dass Geist in diesem Fall mit Elektrizität koinzidiert und dass es mit der Spiritualität vorbei ist, wenn man seine Stromrechnung nicht bezahlt. Auch der unaufhaltsame Zerfall der traditionellen Wirtschaft und das Fortschreiten der Künstlichen Intelligenz sind Triebfedern für diese digitale Spiritualisierung. Und das Spirituelle, der Geist oder der Intellekt oder was auch immer wird nun als Algorithmus verstanden.

          Hegemann: Immerhin macht es so ein spiritueller Algorithmus möglich, virtuell die uns begrenzende Realität zu überwinden, also zum Beispiel, die Hand ins Feuer zu legen, ohne sich die Finger zu verbrennen.

          Groys: Wenn man sich auf das Internet einlässt, verbrennt man sich schon die Finger, weil sich Feuer oder Viren schneller verbreiten als die eigenen Gedanken. Der Horizont der Verbreitung scheint unbegrenzt zu sein, aber wir nehmen an der Konkurrenz der Verbreitung teil. Und diese Konkurrenz erzeugt den Effekt der Realität: unsere Verbreitung wird durch die Verbreitung der anderen und des anderen begrenzt. In der traditionellen Kultur gab es zunächst die Konkurrenz um die Qualität und dann die Konkurrenz um die Innovation. Jetzt herrscht aber die Konkurrenz um die Verbreitung: wer hat mehr Likes, was für ein Bild oder Text hat mehr Klicks et cetera. Und wir haben sehr gute Chancen, diesen Wettbewerb zu verlieren. Ich meine: wir als Menschen, denn die meisten Likes kriegen die Videos mit Katzen und Hunden sowie mit Wetterkatastrophen, Flugzeugabstürzen und so weiter.

          Hegemann: Mittels Künstlicher Intelligenz und Algorithmen verbreitet sich auch die privat und staatlich betriebene, potentiell unbegrenzte Überwachung nahezu aller Menschen, die irgendeine Art von Netzzugang haben. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den neuen Formen der Überwachung und der Spiritualisierungstendenz, die du gerade beschrieben hast?

          Groys: Die globale Wirtschaft basiert heute auf dem Internet beziehungsweise den großen Internetgesellschaften wie Facebook oder Google, während die Nationalstaaten und ihre Politik noch auf der traditionellen Ökonomie des letzten Jahrhunderts basieren. Jetzt, wo die traditionelle Ökonomie kollabiert, wird sich der Konflikt zwischen der nationalen Politik auf der einen Seite und der transnationalen Internetwirtschaft auf der anderen Seite verschärfen. Und ich denke, dass in der jetzigen Situation die regionale Politik, das heißt der Nationalismus, bessere Chancen hat, diesen Konflikt für sich zu entscheiden als die global vernetzte Wirtschaft.

          Hegemann: Das heißt, dass nationalistische Politik, wie sie Trump und viele andere ja schon länger praktizieren, angesichts der Erfahrungen mit der Corona-Krise zum allgemeinen Modell werden könnte? Schließung der Grenzen und nationale Interessenpolitik, Protektion statt Globalisierung?

          Groys: Historisch wurde die Globalisierung immer wieder als eine Art Infektion, die die nationalen Immunsysteme durchbricht, als dekadent und krank empfunden. Man wollte deshalb diese Immunsysteme stärken und das Volk gesund halten. Dieser Gegensatz gesund/infiziert durchzieht das Denken der Moderne – und das gegenwärtige Denken erst recht.

          Hegemann: Was macht man angesichts dieser nicht sehr vielversprechenden Weltlage? Du hast vor Jahren, als wir über Christoph Schlingensief gesprochen haben, eine alte Kulturtechnik empfohlen, nämlich alles, was passiert, wohlwollend zu betrachten und zu sagen: Alles ist gut, ein guter Tag ist gut, aber ein schlechter Tag ist auch ein guter Tag. Du sahst diese Haltung bei Jesus und Duchamp und sogar auch bei Christoph.

          Groys: Ja, die Haltung habe ich nach wie vor.

          Carl Hegemann
          Carl Hegemann : Bild: interTOPICS/Jirka Jansch

          Hegemann: Wenn man in der Lage ist, alles gut zu finden, entsteht Indifferenz in einer fast schon mystischen Dimension, die eigentlich den Tod vorwegnimmt. Diese kontemplative Haltung erschien mir damals als Korrektiv zur grassierenden Selbstvermarktung, ja sogar wie eine Voraussetzung für sinnvolles Handeln. Siehst du bei den neuen Entwicklungen irgendwelche Tendenzen in diese Richtung?

          Groys: Das nicht, aber ich beobachte schon das Aufkommen einer anderen Haltung. Ich sehe, dass die Menschen das Internet nicht nur zum Konsum und als Mittel im Konkurrenzkampf nutzen, sondern als Mittel eines Bekenntnisses. So wie in der Kirche beim Beichten. Ich denke, das ist ein verbreitetes Phänomen. Früher haben die Menschen Tagebücher geschrieben, und jetzt machen sie etwas Ähnliches massenweise im Internet, sie sprechen mit Gott.

          Hegemann: Das Notebook als Hausaltar?

          Groys: Sie stellen ihre Fotos ins Netz, kommentieren sie auf ihren Pages, sie posten Unmengen an Informationen über sich, die niemanden interessieren. Aber das wiederum ist sehr interessant, denn die einzige Person, die sich wirklich für diese Fotos interessieren könnte, ist Gott. Denn Gott liebt alle, und er interessiert sich für alle Fotos und alle meine Gedanken.

          Hegemann: Alles, was wir tun, tun wir für einen unbekannten Betrachter, der wohlwollend auf uns blickt, sagtest du damals, und auch, dass diese Aufgabe, nach dem Tod Gottes, eigentlich Künstler übernehmen müssten. Aber heute dürfte man den unbekannten Betrachter wohl eher kurzschließen mit den KI-basierten Datensammlern in Kalifornien, die von allen Menschen auf der Welt mehr Daten speichern und vernetzen können als jeder noch so informierte Mensch.

          Groys: Diese Daten werden nur gespeichert, um sie zu verkaufen an Firmen, die etwas verkaufen, oder an Institutionen, die uns überwachen oder politisch beeinflussen wollen. Aber es gibt in diesen Internetkonfessionen etwas, das nur für Gott lesbar ist, etwas, das über das profane Interesse hinausgeht. Die User vermissen jemanden, der sich für sie interessiert, und deshalb verhalten sie sich religiös.

          Hegemann: Und die anderen User, die Kollegen, Freunde und Vorgesetzten, sind die Gemeinde?

          Groys: Nein, nein, das sind all diejenigen, die man transzendieren will, von denen man ganz genau weiß, dass sie sich eigentlich nicht für einen interessieren.

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