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Künstlerverfolgung in Russland : Die Kultur soll eine Waffe werden

Das neue Moskauer Denkmal für Michail Kalaschnikow will den Gegnern Russlands Angst machen. Bild: dpa

Der Prozess gegen Kirill Serebrennikow bedroht auch Liberale im Kreml. Der Regisseur arbeitet unter Hausarrest weiter. Doch die Lage im Land ist dramatisch.

          7 Min.

          Mit der geballten Macht von Staat und Kirche wurde in diesen Tagen im Zentrum Moskaus ein Bronzedenkmal für den sowjetischen Waffenkonstrukteur Michail Kalaschnikow und seine berühmteste Schöpfung eingeweiht. Ein Priester besprengte die dreifach überlebensgroße Statue mit Weihwasser und segnete sie, der Kulturminister Wladimir Medinskij pries die „Kalaschnikow“ als „echtes kulturelles Markenzeichen Russlands“. So hob Medinskij, dessen Russische Militärhistorische Gesellschaft das Monument initiiert hat, nicht nur das Sturmgewehr AK-47 auf eine Stufe mit den Leistungen von Russlands Dichtern, Musikern und Malern, sondern prägte zugleich eine Formel für die Rolle, die Kultur in Russland spielen soll: nämlich wie eine Waffe dem „Schutz des Vaterlandes“ dienen, den Medinskij ebenfalls beschwor.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Der Bildhauer Salawat Schtscherbakow erklärt, sein Werk symbolisiere die Waffe, die das Böse in der Welt bekämpft. Kalaschnikow sei an diesem Kampf beteiligt gewesen. Das soll am Fuß des Denkmals die Bronzefigur des Erzengels Michael, des Namenspatrons von Kalaschnikow, verdeutlichen, der hoch zu Ross einem Drachen eine Lanze in den Rachen bohrt. Die Silhouette eines Globus erinnert unfreiwillig daran, dass die unverwüstliche Waffe von Guerilleros auf dem ganzen Erdball geschätzt wird. Peinlich nur, dass anfangs die Abbildung des deutschen Sturmgewehrs StG44 das Postament zierte; Schtscherbakow hatte es, wie er zugab, aus dem Internet kopiert. Es wurde in einer Blitzaktion abgesägt.

          Viele Moskauer sind über das Monument entsetzt. Wie der Jurist Dmitrij Schabelnikow, in dessen Augen es vor allem imperiale Komplexe und Aggressivität zum Ausdruck bringt. Der Popsänger Sergej Lasarew findet es schlimm, dass die Machthaber, die mit immer neuen Verboten die Psyche von Kindern zu schützen vorgäben, im öffentlichen Raum eine so bedrohliche Statue installiert haben.

          Absurdität ist Programm

          Das ist offenbar Absicht. Die Theaterkritikerin Marina Dawydowa spricht von einer „Atmosphäre der Angst“, die zumal seit dem Prozess gegen den Regisseur Kirill Serebrennikow um sich greife. Dawydowa, die die Zeitschrift „Teatr“ herausgibt, ist eine Weggefährtin Serebrennikows, hat seinen Aufstieg zum erfolgreichsten russischen Theaterregisseur begleitet. Serebrennikow, der das Moskauer Gogol-Center leitet, muss sich im landestypischen Angeklagtenkäfig gegen Vorwürfe verantworten, er habe staatliche Fördergelder veruntreut. Seit gut einem Monat steht er unter Hausarrest. Die Vorwürfe erscheinen absurd; so behauptet die Anklage, das Geld für die Inszenierung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ sei gestohlen und das Stück nicht aufgeführt worden. Dabei ist es seit Jahren im Gogol-Center ein Renner.

          Doch Absurdität ist Programm. Es geht um Einschüchterung und, so sieht es Dawydowa, um Zensur, die zwar formal abgeschafft ist, aber faktisch schlimmer sei als zu sowjetischer Zeit. Mit Serebrennikow stehen zwei frühere Direktoren und eine Buchhalterin vor Gericht. Heute müsse ein Regisseur nicht mehr nur, wie zu Zeiten der Zensoren, fürchten, dass sein Stück nicht oder nicht wie gedacht aufgeführt und er selbst entlassen werde, sagt Dawydowa. Vielmehr werde jetzt ein künstlerischer Leiter zum Risiko für seinen Direktor, der die finanziellen Mittel vom Staat beantragen muss. Es helfe nichts, wenn etwa bewiesen wird, dass ein Direktor zur fraglichen Zeit gar nicht auf dem bestimmten Posten arbeitete, wie im Prozess gegen Serebrennikow. „Wenn man in diesen Fleischwolf gerät, wird man zweifellos schuldig gesprochen“, sagt Dawydowa. Es sei als Vorentscheidung zu verstehen, dass Präsident Wladimir Putin, der die Ermittler in diesem Fall im Mai noch als „Deppen“ bezeichnete, jüngst rhetorisch fragte: „Sollen wir jeden freisprechen, nur weil er in der Kultur tätig ist?“

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