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Autodesign auf der IAA : Die vier Gesichter unserer Zeit

Der Mobius aus Kenia ist ein Werkzeug für den Menschen. Bild: Mobius

Die Gegenwart kann man besonders gut verstehen, wenn man das Design ihrer Vehikel anschaut: ein Blick auf die neuen Autos und die Gesellschaftsentwürfe, für die sie stehen.

          Plötzlich ist es sehr still geworden. Hinten brüllt noch einer, und einer zeigt seine Muskeln, aber diese lärmenden Einzelfälle werden mit einem fast betretenen Lächeln kommentiert wie trinkfreudige Verwandte, die dem Veranstalter ein wenig peinlich sind. Die da hinten gehören eben auch noch dazu, aber eigentlich sind wir ganz anders: schmale Lippen, blasse, blau schimmernde Augenringe, alles leise, elektrisch, ferngesteuert.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Fahrzeuge auf der Internationalen Auto-Ausstellung in Frankfurt, die an diesem Wochenende fürs Publikum öffnet, sehen anders aus als sonst. Man hatte sich ja schon daran gewöhnt, dass die Designer ihren Entwürfen mit schöner Regelmäßigkeit ein paar Testosteronspritzen verpassten, und wenn wieder IAA war, standen die neuen Wagen da, als hätte man ein paar griechische Tragödienmasken über ihre Frontpartien geprügelt: Zornesfalten über den Scheinwerferaugen, aufgerissene Kühlermäuler mit Säbelzahnstäben, als wolle der Wagen den anderen Verkehrsteilnehmern mitteilen, dass sie gefälligst Platz zu machen haben, wenn sie nicht umgehend aufgefressen werden wollen, der sogenannte Kühlergrill, der früher ein praktischer Lufteinlass für die Motorkühlung war, nahm Dimensionen an, als solle man darauf unzerkleinerte Huftiere grillen, das Autodesign schien in einem eigenartigen, relativ einfallslosen Dauermanierismus gefangen: noch größere Reifen, noch dickere Kotflügel, noch ein paar messerscharfe Knicke mehr ins Blech hineingebügelt.

          Der BMX X7 ist das protzige Gegenteil der Elektrofahrzeuge.

          Wer es sich leiste kann, macht Krach

          Dazu passte das Design des Motorsounds: die PS-stärkeren Neuigkeiten brüllten beim Starten los, als sei man einem Löwen auf den Schwanz getreten. Während die Städte und Gemeinden sich um Lärmreduktion bemühten, wurden die Premium-Autos immer lauter und bekamen immer mehr Auspuffrohre oder wenigstens Blenden, die wie riesige Rohre aussahen, ein Paradox, das man psychologisch deuten kann: Offenbar wendet man sich hier an eine Kundschaft, die den bürgerlichen Konsens, die Selbstverpflichtung zur Dezenz, aufgekündigt hat und durch Krach bekunden will, dass sie es sich leisten kann, Krach zu machen.

          Der Schriftsteller Blaise Cendrars interpretierte dieses „Hupen und den Lärm der Auspufftöpfe“ in einem hinreißenden Gedicht über das moderne Brasilien noch freundlich als Ausdruck von Optimismus und Zukunftsfreude einer jungen Gesellschaft: Im Röhren und Knattern manifestiere sich ein „Ich bin hier, ich trete in die Welt ein“ derjenigen, denen gesellschaftliche Teilhabe bisher versagt war. Mittlerweile hat sich eine skeptischere Lesart durchgesetzt, allerorts wird die Verrohung der Sitten im Verkehr beklagt – gleichzeitig verkaufen sich die Aggro-Vehikel blendend.

          Die neuen Show-Cars haben Elektroantrieb

          Warum? Vielleicht, weil in Zeiten zunehmender Aggression im öffentlichen Raum und eines allgemeinen Globalisierungsdrucks das grimmige Design auf dem Firmenparkplatz als Ausdruck männlicher Durchsetzungskraft und als angemessene Panzerung im SUV-Aufrüstungskrieg empfunden wird. Doch jetzt kippt diese Ästhetik um: Die aufgerissenen Mäuler, die Zornesfalten sehen in Zeiten von Dieselgate und drohenden Fahrverboten nicht mehr wie eine souveräne Gewaltandrohung aus, sondern wie der Ausdruck von Panik und Angst vor Bestrafung – und auf der Automobilausstellung ist plötzlich alles anders. Die Nüstern, die aufgerissenen Mäuler: verschwunden, abgedrängt in die Schmuddelecken der Ausstellung.

          Die neuen Show-Cars von Volkswagen stehen kleinlaut da wie Delinquenten, die nach einer durchsoffenen und durchgrölten Nacht mit schwerem Schädel auf der Wache zu sich kommen und dem ermittelnden Richter Besserung geloben. Sie saufen kein Benzin mehr, sie brüllen nicht mehr, sie haben Elektroantrieb, und ihre Front ist glatt, weil kein zu belüftender Motor mehr darunter gurgelt; schmallippig summen sie das Lied vom Elektrozeitalter. Der Tesla-Schock hat die europäischen Autobauer erreicht: Alle versprechen eine elektrifizierte Zukunft, und die verändert das Autodesign massiv. Fast ein Jahrhundert lang bestand ein Auto aus, in dieser Reihenfolge, einer Kiste für den Motor, einer für die Fahrgäste und einer fürs Gepäck.

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