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Gesetz gegen Kinderpornographie : Zieht euch sofort wieder an!

Eindeutig ein Kind in unnatürlicher Haltung, also verboten: aus Raffaels „Triumph der Galatea“ Bild: INTERFOTO

Angeblich will die Bundesregierung mit ihrem neuen Gesetz die Kinder vor den Pornographen schützen. Die Strafverschärfung ist aber vielmehr ein Hinweis auf die künftige Totalüberwachung unseres Lebens.

          Der Skandal, ja das unfassbare, ungeheuerliche und unbedingt hart zu bestrafende Verbrechen der Kinderpornographie: Das sind weniger die Bilder, das ist die Gewalt, die einem Kind zugefügt wird. Ein Kind wird verletzt, am Körper und an der Seele - und ob dabei eine Kamera läuft, ob irgendwer sich dann diese Bilder anschaut, ist insofern zweitrangig, als der Schmerz des Kindes davon nicht geringer und nicht größer wird. Alle Kinderpornographie beginnt mit einem Verbrechen, das nicht im Reich der Bilder, sondern in der dreidimensionalen Wirklichkeit geschieht.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Denn Pornographie, dieser oft so ungenau gebrauchte Begriff, lässt sich am schärfsten so definieren: Pornographie ist es, wenn der Sex vor der Kamera nicht nur gespielt oder angedeutet wird. Weil aber, wie jeder kundige Arzt, Psychotherapeut und Sexualwissenschaftler bestätigen wird, kein Kind sich nach Sex mit einem Erwachsenen sehnt, ist jeder Erwachsene, der sich darüber hinwegsetzt, ein Vergewaltiger. Und weil es bei jeder Vergewaltigung um Macht und Gewalt viel mehr als um Begehren und Sex geht: Deshalb ist eben einer, der sich an Kindern vergeht, durchaus nicht zwangsläufig pädophil. Vermutlich ist es nicht einmal die Mehrheit. Die Mehrheit derer, die sich an Kindern vergehen, sind Männer, die ihre Lust an der Gewalt nicht zügeln können.

          Und umgekehrt ist nicht jeder, vermutlich nicht einmal die Mehrheit unter denen, die eine pädophile Neigung haben, zugleich Kinderschänder. Wer also die Kinder schützen wollte vor der Gewalt, der müsste mit aller Kraft versuchen, schneller noch als die Bilder jene Menschen aus dem Verkehr zu ziehen, deren Taten diese Bilder dokumentieren. Die meisten Polizisten wissen das und handeln dementsprechend. Die meisten Politiker könnten es wissen - und dass die Regierung, speziell der Bundesjustizminister, jetzt ganz anders handelt, hat anscheinend vor allem damit zu tun, dass die Geschichte des Sebastian Edathy sie noch immer verstört.

          Der Fotograf als Straftäter

          Denn offenbar hat dieser Herr Edathy, falls er getan hat, was ihm allseits vorgeworfen wird, nämlich sich an Bildern nackter Halbwüchsiger zu erregen, dabei gegen die allgemein üblichen Anstandsregeln verstoßen. Nicht aber gegen ein Gesetz. Wenn das aber so ist, so jedenfalls geht die juristische Argumentation des Justizministeriums, dann haben wir hier eine sogenannte Gesetzeslücke, die dringend geschlossen werden muss.

          Längst hat sich, im allgemeinen politisch-medialen Diskurs, die Definition, wer als Täter zu betrachten sei, verschoben. Die Pädophilie, jene sexuelle Disposition also, für welche der, der sie hat, nichts kann, wird nicht mehr als Neigung, die man zügeln kann, sondern als Verbrechen beschrieben - und ein Täter ist neuerdings jeder, der das Anstandsgefühl besorgter Eltern verletzt. Dieses Gefühl soll hier nicht kritisiert werden. Kein Erwachsener, der seine Kinder, seine Enkel, seine Nichten und Neffen liebt, mag sich mit der Vorstellung anfreunden, dass da irgendwo ein Fremder Mann auf den Bildschirm seines Computers schaut und sich an den Bildern ebendieser Kinder erregt. Wer das für eine Schweinerei hält und es verhindern möchte, ist erst einmal im Recht.

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