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Lieferdienste als Desaster : Der Geschmack lauwarmen Lebens

Ein kulinarisches Desaster auf zwei Rädern: Ein Fahrradkurier eines Lieferdienstes fährt über eine regennasse Straße in Berlin. Bild: dpa

Der Triumphzug der Lieferdienste für Fast Food scheint unaufhaltsam und wird auch noch als Bereicherung unserer kulinarischen Kultur gepriesen. Dabei ist er ein Desaster.

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          Die Totengräber sitzen auf Elektrofahrrädern, sind grellbunt statt trauerschwarz gekleidet und tragen Styroporkisten auf dem Rücken. Darin transportieren sie vergiftete Geschenke, die vorgaukeln, uns Zeit zu schenken, Genuss zu verschaffen und Mühe zu sparen. Dabei ist das Gegenteil wahr: Wir vergeuden mit ihnen Zeit, verhöhnen den Genuss und begreifen nicht, dass die Mühe gar keine Mühe, sondern Freude ist. Trotzdem bestellen wir die Totengräber unserer kulinarischen Kultur freiwillig zu uns nach Hause und geben ihnen oft auch noch ein Trinkgeld. Sie können es gebrauchen, denn die armen Teufel bekommen kaum mehr als den Mindestlohn. Wir aber brauchen etwas ganz anderes: Wir müssen endlich über unser Essen nachdenken, statt es nur zu bestellen, wir müssen uns endlich nicht nur mit dem Bauch, sondern auch mit dem Kopf ernähren.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Achtzig Milliarden Euro geben die Deutschen jedes Jahr für Essen aus, das sie nicht selbst Zuhause zubereiten, knapp fünf Prozent davon für gelieferte Fertiggerichte – mit dramatisch steigender Tendenz. Kein anderes Segment der Gastronomie in Deutschland wächst auch nur annähernd so schnell wie die bunte Welt der Lieferdienste. Mit jährlichen Steigerungsraten von zehn Prozent rechnet die Branche, die sich deshalb in ihrer Goldgräbergier eine erbitterte Schlacht um die Vorherrschaft geliefert hat: Die beiden Platzhirsche Takeaway aus den Niederlanden mit seiner Marke Lieferando und Delivery Hero aus Berlin mit seinen Diensten Foodora und Lieferheld versuchten sich gegenseitig mit einem millionenteuren Werbetrommelfeuer aus dem Markt zu drängen. Takeaway hat den Kampf Anfang des Jahres gewonnen, die Berliner für eine Milliarde Euro übernommen und sich die Position eines Quasi-Monopolisten gesichert. Mit mindestens fünfzig Millionen Bestellungen rechnet das Unternehmen nun pro Jahr und kann sich darüber freuen, dass die meisten seiner Kunden ihm noch lange erhalten bleiben. Denn sie sind in ihrer Mehrheit zwischen sechzehn und vierunddreißig Jahre alt.

          Essen hat auch etwas mit Moral zu tun

          Das ist aber gar kein Grund zur Freude, sondern zum Sturmläuten der Alarmglocke. Denn analog zum Ernährungs-Fiasko der Wirtschaftswunderzeit in den fünfziger und sechziger Jahren könnte eine halbe Generation in der kulinarischen Abstumpfung enden. Damals versprachen Tütensuppen, Fertigsaucen und Dosen-Ravioli den Hausfrauen die Befreiung von den Ketten des Herdes und führten sie stattdessen mitsamt ihren Männern und Kindern in die babylonische Gefangenschaft der Ahnungslosigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber dem guten Geschmack. Und als gerade jetzt die Hoffnung keimte, in der Jugend wachse die Sensibilität fürs Essen, die Bereitschaft zum Nachdenken, die Freude am Kochen, tauchen Horden von Lieferdienst-Kurieren in unseren Straßen auf – Vorboten von Firmen, die ein paar hundert Prekariats-Radfahrer beschäftigen und an der Börse trotzdem mehr wert sind als die Lufthansa mit ihrer milliardenteuren Flugzeugflotte.

          Natürlich wird ein großer Teil der Gesellschaft nicht in die Bequemlichkeitsfalle tappen, sondern weiterhin in die Küche gehen. Und vermutlich haben die Optimisten sogar recht, die glauben wollen, dass geliefertes Essen in den meisten Fällen die Tiefkühlpizza aus dem Supermarkt und nicht das Kochen ersetzt – wofür die bizarrste Volte der aktuellen Ernährungsperversion spricht: Nahrungsmittelkonzerne wie Nestlé oder Dr.Oetker lassen ihre Pizzen und Flammkuchen inzwischen aufgebacken von den Lieferdiensten ausfahren. Die Pessimisten aber haben genauso gute Gründe, einen tiefgreifenden, kulturellen Wandel zu beklagen: Wenn Essen von vielen, vor allem jungen Menschen nur noch als Lieferware, als Fertigprodukt wahrgenommen wird, verliert es seine Seele, seine Bedeutung als Geschenk der Natur, seinen Rang als Mittel zum Leben, das Respekt verdient und einen Wert über den Lieferpreis hinaus hat, das eine Herkunft und Geschichte besitzt, von Menschen für Menschen kultiviert wird und weder gedankenlos gegessen noch weggeworfen werden sollte. Essen hat immer auch etwas mit Moral zu tun, nicht nur mit Hunger. Doch das ist schwer zu begreifen, wenn es per Mausklick im Pappkarton nach Hause kommt.

          Eine Generation isst gleich von der Pappe weg

          Zu allem Übel reden wir von Essen in seiner primitivsten, plumpesten Form, denn in den allermeisten Fällen handelt es sich um Fast Food. Wer schon als Sechzehnjähriger auf diesen Geschmack kommt, nagelt sich die Tür zu einer kulinarischen Welt zu, die er nie wieder betreten wird. Mit Fast Food verliert man schnell die Lust an gutem Essen, weil die Vorstellung stirbt, Essen könne überhaupt gut sein. Der Genießer einer lauwarm eingeweichten Liefer-Pizza wird nie in ambitionierte Restaurants gehen, nie hundert Euro für ein Degustationsmenü ausgeben und die Geringschätzung der Spitzenküche weiter zementieren, die in Deutschland ohnehin schon epidemische Ausmaße hat.

          Geschmack ist Erziehung, die man nicht auf Bestellung bekommt. Wo aber soll sie überhaupt noch stattfinden, wenn nicht in der eigenen Küche? Und warum gehen Millionen Menschen den falschen Versprechen der Lieferdienste auf dem Leim, die ihren Kunden mit einem Bombardement an Werbebotschaften eintrichtern, wie leicht und reich das Leben mit ihnen und ihren scheinbar unendlichen Optionen werde? Es wird aber nicht leichter, sondern ärmer, trostloser, langweiliger. „Manger est un besoin, mais savoir manger est un art“, sagte François de La Rochefoucauld, Essen ist eine Notwendigkeit, doch essen zu können, eine Kunst. Lieferando sagt es in seiner Werbekampagne mit einem Pizza-Motiv anders: „Heute wirst du flachbelegt.“ Und der große Gastrosoph Grimod de la Reynière drehte sich im Grabe um, müsste er mitansehen, wie sich heute eine ganze Generation Essen in Pappe oder Plastik kommen lässt und meist gleich von der Pappe oder dem Plastik weg isst. Vielleicht sollte man diesen Satz Grimods auf die Pizza-Packungen drucken: „Von guten Tafeln hängt gute Gesundheit, von guter Gesundheit die Erhaltung einer guten Konstitution und von diesen beiden alles ab, was das soziale Gebäude der menschlichen Gesellschaft auf festen Pfeilern erhält.“

          In der fließenden Bewegung des Gebens und Nehmens

          Wer sich sein Essen liefern lässt, zerstört aber nicht nur die Tischkultur. Wir verlieren auch die Kontrolle darüber, was wir uns selbst vorsetzen, wir liefern uns unbekannten Menschen und ihrem Zehn-Euro-Essen aus und treten gleichzeitig in intimsten Kontakt mit ihnen, weil wir ihre Gerichte in unseren Körper einführen. Das ist schizophren. Bei jeder Lotion, jedem Shampoo achten wir darauf, ob es gut für Haut und Haar ist. Beim Essen hingegen entscheidet viel zu oft allein der Preis.

          Schweres Gepäck, schwer verdaulich: Ein Kurier in Hannover.

          Am schlimmsten aber ist, dass wir uns mit der Lieferdienstware leichtfertig das Beste und Schönste am Essen verderben: den Geschmack. Was für eine fürchterliche Selbstkasteiung nehmen Lieferdienstkunden freiwillig auf sich, wenn sie sich mit lauwarmer Trostlosigkeit zufrieden geben und auf den Duft von Gerichten verzichten, die à la minute und à point auf Tisch kommen. Frisch gehobelter Trüffel, vor unseren Augen schmelzender Parmesan, das Glücksgefühl, wenn man den Deckel einer Cocotte anhebt und Schmorbraten die ganze Küche aromatisiert. Das alles ist für sie eine Welt mit sieben Siegeln. Was bleibt ihnen stattdessen? Risotto aufwärmen, obwohl das eine kulinarische Todsünde ist, weil es dann nach nichts als Kleister schmeckt. Noch schlimmer: Fleisch aufwärmen, obwohl es aus der Pfanne nach minutenkurzer Ruhezeit sofort auf Teller muss und nicht erst durch halbe Stadt gefahren werden darf. Und der größte Verrat am guten Geschmack ist es, sich Sushi bringen zu lassen. Denn das größte Glücksgefühl in der japanischen Küche ist jener Moment, in dem der Sushi-Koch seinem Gast das eben erst zubereitete Nigiri überreicht, das nur in dieser Sekunde sein volles Aroma besitzt und voller Andacht in der fließenden Bewegung des Gebens und Nehmens gegessen wird.

          In der Küche können wir endlich Mensch sein

          Das Generaltotschlagsargument, mit dem die Lieferdienste werben, ist Zeit: Endlich hat man Zeit für sich, muss sie nicht mit Einkaufen und Kochen verplempern, kann die Küche kalt lassen. Dabei ist es ein postmoderner Irrglaube, dass wir keine Zeit mehr fürs Kochen hätten. Wir haben heute mehr Zeit und mehr Freizeit als alle unsere Vorfahren. Wir schlagen sie nur auf so viele Arten tot, dass wir glauben, sie nicht mehr zu haben. Lieber glotzen wir ein Dutzend Netflix-Serien hintereinander und bestellen dazu einen Hamburger, anstatt elf Episoden zu schauen und uns in der zwölften eine Bulette zu braten.

          Raffte sich die Generation Lieferdienst dazu auf, würde sie begreifen, dass Essen eine Zeit braucht, die sich nicht nach der Spanne zwischen der Bestellung und dem Klingeln des Lieferanten bemisst. Essen entsteht und wird gerade dadurch erst wertvoll – so wie alles, in das man viel Zeit investiert. Und sie würde verstehen, dass Kochen weder schlimm noch lästig und schon gar keine Zeitverschwendung ist, sondern Spaß macht, glücklich macht, dass es eine der letzten Alltagsgelegenheiten für haptisches Erleben ist. Den ganzen Tag lang berühren unsere Hände Tastaturen und Touch Screens. In der Küche aber können wir endlich etwas Schönes, Natürliches, Duftendes anfassen und endlich wieder Mensch sein. Wir können aber auch auf dem Handy-Display den Totengräber herbeirufen und dabei Netflix-Filme über Zombies anschauen – ohne zu merken, dass wir selbst zu solchen geworden sind.

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