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Geschlechtsangleichung : Das Schweigen über den Sexus

Fuschia Anne Ravena bei der Krönung zur Miss International Queen 2022 – einem Transgender-Schönheitswettbewerb Bild: EPA

Geschlechtsangleichungen haben gravierende körperliche Folgen. Darüber muss aufgeklärt werden. Doch das Familienministerium will eine offene Debatte über Risiken verhindern.

          8 Min.

          Seit rund zehn Jahren beobachtet die Geschlechtermedizinerin Renate Försterling in ihrer Berliner Praxis eine sonderbare Entwicklung: Immer mehr Kinder und Jugendliche, besonders Mädchen, kommen zu ihr, um ihr Geschlecht angleichen zu lassen; aber nur die wenigsten können genau sagen, warum sie das eigentlich wollen. Zuvor hatten die Patienten ganz unterschiedliche und oft lange Leidensgeschichten. Sie waren verschieden alt und wollten die Geschlechtsanpassung möglichst unauffällig vollziehen. Jetzt hatte Försterling mit Jugendlichen zu tun, denen die Idee eher spontan gekommen war, die auffallen wollten und sich ausgefallene Fantasienamen wünschten. Ein Mädchen wollte so sein wie der Typ, den sie am Wochenende gesehen und irgendwie toll gefunden hatte. Eltern machten sich Sorgen, weil ihre Tochter gern mit blauem Spielzeug spielte. Das könne doch wohl kein Mädchen sein. Försterling, die selbst das Geschlecht gewechselt hat, weil sie den Leidensdruck nicht mehr aushielt, reagierte zurückhaltend und hinterfragte die Motivationen. Damit machte sie sich unbeliebt bei Patienten und Kollegen, die fleißiger als sie das Attest für die Transitionstherapie unterschrieben.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Renate Försterling steht mit dieser Erfahrung nicht allein. Seit 2013 ist die Zahl der Geschlechtsumwandlungen unter Jugendlichen weltweit um das Zehn- bis Zwanzigfache gestiegen. Immer mehr Kinder, besonders Mädchen, wollen einen anderen Körper. Was daran tief empfundener Wunsch und was Mode ist, lässt sich schwer sagen, denn eine offene Debatte ist immer noch kaum möglich. Wer darauf hinweist, dass auch Faktoren wie das Internet, das ökonomische Flexibilitätsgebot, technischer Machbarkeitswahn oder die Interessen der Pharmaindustrie auf den Transgender-Boom einwirken könnten, macht sich zum Feind von Aktivisten, die darauf bestehen, dass der Betroffene schon von Geburt an im falschen Körper wohnte, aus dem er nun endlich befreit werden müsse.

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