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Geschichtsstreit über Armenier : Wir nennen es Völkermord

Das Grab von Djemal Azmi und Baheddin Schakir Bild: Picture-Alliance

Mitten in Berlin gibt es zwei Ehrengräber, über die seit Jahren gestritten wird. Für die einen liegen hier „Drahtzieher des Völkermordes“ an den Armeniern, für die anderen Märtyrer. Der Streit zieht sich bis in die deutsche Politik.

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          Am Columbiadamm, mitten in Berlin, befindet sich neben der großen Şehitlik Moschee ein historischer islamischer Friedhof, auch Berliner Märtyrer-Friedhof der Türken genannt. Die Ditib-Moschee gilt deutschen Spitzenpolitikern als Hort der Toleranz und wird gern und oft von ihnen besucht. So eilte Bundesjustizminister Heiko Maas nach dem islamistischen Massaker in der Redaktion von „Charlie Hebdo“ nicht etwa in eine Redaktion oder eine Synagoge, sondern mit Ditib-Vertretern hierher. Doch jedes Jahr im April entzündet sich an zwei sorgfältig geschmückten Ehrengräbern des Friedhofes ein Streit, der nun schon fast hundert Jahre währt. Es ist kein lauter, medial ausgetragener Streit, mehr so ein Hintergrundrauschen, das auch jetzt kaum zu hören ist in der an Schärfe und Deutlichkeit zunehmenden Debatte, ob die Auslöschung der osmanischen Armenier 1915/16 ein Völkermord war und darum so genannt werden muss.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Die beiden Männer, die auf dem Märtyrer-Friedhof begraben sind und um die sich der endlose Streit dreht, nennt die eine Seite Kriegsverbrecher und Massenmörder, „Drahtzieher des Völkermordes“. Für die anderen waren und bleiben sie trotzdem oder gerade darum - je nach politischer Orientierung von national-konservativ bis türkisch-nationalistisch - Märtyrer. Beide wurden 1922 in Berlin erschossen, beide waren 1919 im damals gerade noch bestehenden Osmanischen Reich in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden und hatten sich ihrer Bestrafung durch Flucht entzogen. Die Prozesse hatte noch ein bestürztes osmanisches Parlament in Gang gesetzt. Den Völkermord, den anzuerkennen sich die Türkei bis heute weigert, hatte der osmanische Ankläger bereits 1919 unmissverständlich ein „Verbrechen gegen die Menschheit“ genannt.

          Ein unerlöstes Trauma

          Der eine verehrte, verurteilte Täter, Djemal Azmi, einst Provinzgouverneur, wurde als der Henker oder „Schlächter von Trapezunt“ berüchtigt. Er hatte die Armenier nicht nur beraubt und war dadurch reich geworden, sondern hatte sich auch durch besondere Grausamkeit hervorgetan - er ließ seine Opfer im Meer ertränken und schickte armenische Waisenkinder in die Sklaverei. Der andere aber, der Arzt Baheddin Schakir, war der Architekt des Völkermordes und befehligte die „Teskilat-i-Mahsusa“(TM), die Todesschwadronen. Später, in Berlin, nach der Erschießung des Innenministers und Großwesirs Talaat Pascha 1921, galt er als der unangefochtene Führer des jungtürkischen Exils. Früh hatten sogar politische Freunde dem extrem türkisch-nationalistischen Schakir eine „fast krankhafte Armenierfeindlichkeit“ bescheinigt. Erschossen wurden diese schrecklichen Männer in Berlin von selbsternannten armenischen Rächern des geheimen Kommandos „Nemesis“, das es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die in aller Welt untergetauchten Haupttäter des Völkermordes zu richten. Also Völkermörder? Oder Märtyrer?

          Der Historiker Rolf Hosfeld hat in seinen beiden gut verständlichen, faktenreichen Büchern „Operation Nemesis“ (Kiepenheuer & Witsch 2005) und „Tod in der Wüste“ (C.H. Beck 2015) die Hintergründe und Folgen des Genozids und der Vertreibungen ausführlich analysiert. Er beschränkt sich nicht nur auf das Geschehen von 1915, sondern bezieht den Weltkrieg, den Zerfall des Imperiums und die alsbald moralfreie Bewegung der Jungtürken genauso ein wie die Haltung zu Nichtmuslimen, die irgendwann auch die „Ungläubigen“ waren, für die man sich den weißen Turban des Dschihad aufsetzt. Es ist eine bedrückende Lektüre, Hosfeld schildert ungeheuerliche Grausamkeiten, vor allem wird das Muster deutlich, das diesen ersten Völkermord des zwanzigsten Jahrhunderts zum Vorbild für andere machte: Rassenhass, Sozialneid und Verachtung der Minderheiten, besonders wirtschaftlich erfolgreicher Minderheiten, wie es die Armenier waren. Sein Quellenanhang ist im zweiten Band noch umfassender, darauf sei nur verwiesen, weil sich darunter auch Namen türkischer Historiker finden: Eines von vielen Zeichen, wie die Debatte um ein unerlöstes Trauma längst auch in der Türkei geführt wird.

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