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Geschichtsstreit über Armenier : Wir nennen es Völkermord

Ein Völkermord ist ein Völkermord

Wem also nutzt die starre Haltung der deutschen Regierung, die unermüdlich versichert, auf diesen Begriff, den des Völkermordes, verzichten zu wollen, weil es darum nicht gehe? Geht es um Wählerstimmen oder um einen Nato-Bündnispartner? In Umfragen und in eigentlich allen Medien ist das Echo auf diese Debatte nahezu einhellig: Ein Völkermord ist ein Völkermord und muss darum so benannt werden. So sieht es auch Norbert Röttgen (CDU), der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag. Nicht aber Außenamtssprecher Martin Schäfer, der gerade wieder mahnte, man dürfe doch das Ziel der Aussöhnung nicht aus den Augen verlieren. Aussöhnung mit wem? In ganz Deutschland finden zurzeit sogenannte Gegenveranstaltungen zur „armenischen Genozidlüge“ statt. Veranstaltet werden sie gemeinsam von der Ditib (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion), die von der türkischen Regierungsbehörde Diyanet geleitet und kontrolliert wird, vom deutschen AKP-Ableger UETD, von den rechtsradikalen Grauen Wölfen und von Kemalisten. Sie alle eint ein Zorn, mindestens ein Argwohn gegen den „armenischen Feind“. Sie dürften sich bestätigt fühlen.

Die langsam absurd wirkende Begriffsverweigerung provoziert eine Spaltung der Gesellschaft mit unabsehbaren Folgen. Radikale Nationalisten, alle organisiert in migrantischen Dachverbänden, die der Regierung gern als sogenannte Ansprechpartner dienen, haben für den 25. April zu einer Demonstration aufgerufen: „Der Völkermordlüge ein Ende! Nimm Deine Flagge und komm!“ Zeitgleich demonstrieren dort am Brandenburger Tor orientalische Christen.

Gewissen unter dem Radar

Sie halte die Weigerung der Regierung für ein katastrophales Signal, sagte die Rechtsanwältin Madlen Vartian, Vizechefin des Zentralrates der Armenier, jetzt in Berlin. Das schwäche nicht nur die Zivilgesellschaft in der Türkei, sondern auch die Kräfte in Deutschland, die aus der Türkei eingewanderten Christen, die Aleviten, die Griechen und viele Muslime. Sie müssten gewärtig sein, dass ihre Kinder und, wenn sich nichts ändere, auch noch ihre Kindeskinder auf dem Schulhof oder auf der Straße mit den kruden Formeln von der „armenischen Genozidlüge“ konfrontiert werden. „Wir als armenische Deutsche der fünften Generation“, sagt Vartian, „wir möchten, dass unsere ganze Geschichte zu unserem kollektiven Gedächtnis gehört.“

Im Lepsiushaus in Potsdam, dessen Direktor Rolf Hosfeld ist, wird der Nachlass des Anwaltes der bedrohten Armenier, Johannes Lepsius, bewahrt. Das Haus ist rasch eine erste Adresse für ehrliche Debatten um Menschenrechte, Zivilcourage und Geschichtsmythen geworden. Jetzt, da sich der Völkermord, den Lepsius als Erster dokumentierte, zum hundertsten Mal jährt, stehen dort Journalisten aus aller Welt Schlange, um zu schauen und zu hören, was den kritischen Theologen damals bewogen hat, sich so klar zu positionieren, mitten im Krieg.

Zug von Armeniern entlang einer Mauer: Bildszene aus dem Film „Aghet“ von Eric Friedler.

In seinem von der deutschen Militärzensur verbotenen ersten „Bericht über die Lage des armenischen Volkes in der Türkei“ von 1916 beschreibt Lepsius auch seinen inneren Konflikt zwischen Deutschland, der verbündeten Türkei und den Armeniern. Er entschied sich für die Humanität und die Armenier: „Legt uns so die Waffenbrüderschaft mit der Türkei Verpflichtungen auf, so darf sie uns doch nicht hindern, die Gebote der Menschlichkeit zu erfüllen. Müssen wir auch in der Öffentlichkeit schweigen, so hört doch unser Gewissen nicht auf zu reden.“

Und wie wir nun hören, redet unser Gewissen noch immer unter dem Radar, aber immer lauter. Es ist an der Zeit, das endlich auf den einzig tauglichen Begriff zu bringen, am 24. April im Deutschen Bundestag.

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