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Geschichtsbilder : Barbaren wie wir

Man sehnt sich nach Hollywood: Ulrich Wiggers als Friedrich II. in „Die Deutschen” Bild: ZDF/Jan Prillwitz

Wer sind wir? Woher kommen wir? Während Amerika sich in Barack Obama erkennt, sucht das deutsche Fernsehen mit Guido Knopp das deutsche Wesen in den germanischen Urwäldern. Was für ein Missverständnis.

          6 Min.

          Es hat, die Alten werden sich erinnern, mal eine Zeit gegeben, da lernten amerikanische Kinder in amerikanischen Schulen, dass jene Leute, aus denen dann die Amerikaner wurden, Puritaner und Pilgerväter gewesen seien, englische Menschen mit großen Hüten und langen Bärten, welche, nur zum Beispiel, mit der „Mayflower“ am Plymouth Rock gelandet seien, im Osten des Kontinents dreizehn stolze Staaten gegründet, die Herrschaft Englands abgeschüttelt und sich dann an die Eroberung des Westens gemacht hätten. Und wenn so ein Schüler aber von seinen Eltern erfahren musste, dass das Transportmittel seiner Vorfahren ein Sklavenschiff war (oder dass womöglich seine Vorfahren schon 10.000 Jahre früher in Amerika eingewandert waren), dann wusste er gleich, dass offenbar nicht jeder Bewohner der Vereinigten Staaten ein vollwertiger Amerikaner war.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es gab die Zeit, da mussten die französischen Kinder laut und deutlich nachsprechen, dass ihre Vorfahren die Gallier gewesen seien, welche, kaum zweitausend Jahre war es her, bei Gergovia dem Tyrannen Caesar und der römischen Übermacht widerstanden hätten. Und wenn so ein Schüler eine dunkle Hautfarbe hatte und einen arabischen oder afrikanischen Namen, dann war das nur ein Beleg dafür, dass die französische Republik mit Absicht farbenblind war und wahres Jakobinertum aus jedem Franzosen einen Gallier im Geiste machte.

          Ihre eigene Geschichte

          Die Araber und Afrikaner in Frankreich haben sich aber trotzdem gegen die Enteignung ihrer eigenen Erzählungen gewehrt; die Amerikaner, die nicht weiß und auch nicht von europäischer Herkunft sind, haben längst angefangen, ihre eigene Geschichte zu erzählen – und wer sich davon überzeugen will, dass die alten Geschichten ihre Gültigkeit, zumindest aber ihre Verbindlichkeit verloren haben, der braucht dafür keine Lehrpläne zu studieren. Es reicht ein Blick in jene politische Wirklichkeit, in welcher der Sohn eines ungarischen Journalisten (und ehemaligen Fremdenlegionärs) und einer griechischen Juristin im Élysée-Palast zusammen mit einer italienischen Industriellentochter lebt. Es reicht, nur einen Funken jener Begeisterung aufzufangen, welche die kenianische Großmutter des künftigen amerikanischen Präsidenten versprüht, Sarah Obama vom Stamm der Luo, die aus Freude über den Wahlsieg einen Ochsen geschlachtet hat und jetzt plant, zum ersten Mal in ihrem Leben nach Amerika zu reisen.

          Die Sarkozys sind vielleicht nicht die beliebtesten aller Franzosen; aber dass sie sehr französisch sind, bestreitet kein Franzose. Und die Amerikaner haben in diesen Tagen große Freude daran, auf die Frage, wer sie denn eigentlich seien, die Antwort zu geben: Wir sind die Leute, unter denen einer wie Barack Hussein Obama groß und Präsident werden konnte.

          Wir leisten Widerstand

          Sind also die Geschichten, die wir einander erzählen, um uns darin zu finden und zu erfinden, bessere geworden, offener, welt- und zukunftshaltiger? Kommt darauf an. Ein mittelgroßes Land in der Mitte Europas leistet Widerstand. „Wer sind wir? Woher kommen wir?“ So fragt es zurzeit, jeden Sonntag, jeden Dienstag, aus den deutschen Fernsehapparaten – und vier bis sechs Millionen Menschen haben in den ersten Wochen dabei zugesehen, wie die Antwort in den germanischen Urwäldern gesucht wurde, unter zauseligen Halbbarbaren, sächsischen, fränkischen, schwäbischen Stammeshäuptlingen, welche sich erst mit ihren sächsischen, fränkischen, schwäbischen Vettern herumstreiten, um dann über die Alpen zu ziehen, wo es neuen Streit gibt, mit den langobardischen Vettern, dem Papst oder den verwahrlosten Nachkommen jener Leute, die man einst die Römer nannte.

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