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Über Russlanddeutsche : Die Unsichtbaren

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Menschen ohne Heimat: Russlanddeutsche Flüchtlinge im Dezember 1929 Bild: INTERFOTO

Russlanddeutsche sind in diesem Land meistens still. Sie führen hier ein Leben zwischen Täter- und Opfer-Dasein. In Russland wurden sie für Faschisten gehalten, deportiert und ermordet. Wie kann man eigentlich mit dieser verworrenen Geschichte umgehen?

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          Wir saßen bei einer Tasse Tee in Großmutters Sieben-Quadratmeter-Küche, als sie plötzlich in einer Mischung aus Wolgadeutsch und Russisch zu erzählen begann. „Meine Eltern“, sagte sie und versuchte sich an ihrem Gehstock aufzurichten. Zitterte etwas. Fast schien sie beim Aufstehen zu fallen. Sie griff nach den Aldi-Nussnougatschokoladenriegeln auf der Küchentheke. Und setzte sich wieder. Dann erzählte meine Großmutter über den Morgen, an dem sie mit ihrer Mutter, ihrem Vater und ihren Geschwistern in einen Zugwaggon gesteckt worden ist. „Ich kann mich noch sehr genau erinnern“, sagte sie und holte laut Luft, „wie wir unseren Schäferhund zurücklassen mussten. Er lief uns noch einige Meter hinterher.“

          Eigentlich hatten wir über mein Studium gesprochen. Doch solche Erinnerungen kamen bei ihr häufig aus dem Nichts. Großmutter hatte Alzheimer. Wie Geister schienen die Erinnerungen sie zu verfolgen. Ihre Hände bewegten sich an dem türkisblauen Griff des Gehstocks hin und her. Ihre Augen waren so trüb wie ein alter Spiegel. Sie merkte nicht, dass wir gerade noch über etwas anderes gesprochen hatten. Auf einmal redete sie vom sibirischen Winter, vom Tod ihrer Mutter, vom Arbeitslager: „Mein Bruder ist im Arbeitslager gestorben“, sagte sie.

          Meine Großmutter war Wolgadeutsche, Russlanddeutsche. Postsowjetische Mi­grantin. Wie ihre Kinder, ihre Enkel, ihre Urenkel. Wie ich. Sie starb vor einem Jahr.

          Der Autor als Kind mit seiner Großmutter, die 1941 die Deportation der Russlanddeutschen miterlebte.
          Der Autor als Kind mit seiner Großmutter, die 1941 die Deportation der Russlanddeutschen miterlebte. : Bild: Privat

          Vor zehn Jahren sind meine Eltern mit meinem Bruder und mir das letzte Mal durch die ehemalige Republik der Wolgadeutschen gefahren. Dort, irgendwo zwischen Saratow und Samara, sollte es liegen, das Dorf Schöntal. Das Dorf, aus dem meine Großeltern stammen. Es wurde 1857 gegründet.

          Wolga, Wassermelonen und Ruinen

          Doch die Geschichte der Russlanddeutschen begann schon viel früher. Mit Katharina der Großen. Die Zarin unterschrieb im Sommer 1763 einen Ukas. Manche nennen ihn einen „Kolonialistenbrief“, manche ein „Einladungsmanifest“. Es war ein Aufruf an deutsche Siedler. So wollte die Zarin das „wilde Feld“ Russlands erobern, wirtschaftlich stärken. Aber es ging auch um ihre eigene Stärke, darum, loyale Bürger ins Land zu holen. Dafür bot sie vieles: Selbstverwaltung, Steuervergünstigungen, freie Religionsausübung, Befreiung vom Militärdienst und 30 Hektar Land für jede Kolonistenfamilie. Und diese Familien, sie kamen. Der Anfang war nicht leicht, einige Siedler überlebten nicht einmal den ersten Winter. Sie mussten Überfälle ertragen und Hungersnöte.

          1857 lebten im Dorf meiner Großmutter 162 Familien. Ob ihre Vorfahren zu diesen Gründungsmitgliedern gehörten, kann ich nur vermuten. Zu verworren ist unsere Geschichte.

          Damals, während unserer Reise nach Kasachstan vor zehn Jahren, schaute ich aus dem Autofenster und sah die Wolga, Wassermelonen und Ruinen. Ist hier unsere Heimat? Nein, nicht ganz. Die russische Geschichte der Russlanddeutschen und meiner Familie beginnt zwar an der Wolga, endet aber in Sibirien und in der kasachischen Steppe. Denn mit dem Angriff der Nationalsozialisten auf die Sowjetunion 1941 nahm der Hass gegenüber Russlanddeutschen zu. Sie wurden verdächtigt, deutsche Spione zu sein. Wer Deutsch sprach, war automatisch Faschist. Ende August wurden sie deportiert, kamen in Arbeitslager. Auch meine Großeltern, deren Geschwister und Eltern. Als ich meine Oma noch fragen konnte, antwortete sie nur in Fragmenten ihrer Erinnerungen: „Winter, Bäume, die zu Fall gebracht wurden. Und der Tod“, sagte sie immer wieder. Über die Bedingungen in diesen Lagern haben weder meine Oma noch mein Opa gesprochen.

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