https://www.faz.net/-gqz-7y2i7

Geschäftsmodell Whistleblowing : Ein Markt für Geheimnisverrat

  • -Aktualisiert am

Der Whistleblower von morgen bleibt anonym. Bild: dpa

Das geplante Onlineportal „Slur“ treibt das Prinzip des Whistleblowings zynisch auf die Spitze: Geheime Informationen sollen hier meistbietend versteigert und der Zuträger entlohnt werden.

          „Ihr werdet es hassen“, schreiben seine Macher. Gründe gäbe es dafür viele. Denn Slur, die mit diesem Slogan beworbene Website, soll ein digitaler Marktplatz für den Handel mit Datenlecks werden. Vertrauliche Informationen von Privatfirmen, Regierungen und Militär sollen hier anonymisiert an den höchst Bietenden versteigert werden. Die Plattform ist eine Art Ebay des Whistleblowing, die mit dem Prinzip des  Geheimnisverrats im Dienst der  Allgemeinheit nicht mehr viel zu tun hat. Im Gegenteil: Jeder darf hier Geheimnisse anonym veröffentlichen - und er wird dafür sogar entlohnt.

          Die Betreiber, eine neunköpfige Gruppe, die sich u99 nennt und aus Verschlüsselungsexperten besteht, will mit dem Portal auch der angeschlagenen Kryptowährung Bitcoins wieder Aufschwung geben. Bitcoin-Transaktionen über das Tor-Netzwerk sollen das anonymisierte Ersteigern ermöglichen. Auf diese Weise sollen Softwarelücken und Quellcodes, Wirtschaftsgeheimnisse und Kundendatenbanken und nicht zuletzt pikante Informationen über Prominente und Politiker auf den digitalen Marktplatz gelangen.

          Die geleakte Katze im Sack

          Dass diese Plattform mit dem Streben nach Transparenz, das sich die Macher auf die Fahnen schreiben, nichts zu tun hat, ist ziemlich offensichtlich. Den Käufern ist es schließlich selbst überlassen, was sie mit den erworbenen Informationen tun. Dazu können die geleakten Daten auch von den Personen ersteigert  werden, die vielleicht das meiste Interesse an ihrem Besitz haben: den Betroffenen. Am Ende steht nicht die Transparenz, sondern die Monopolisierung der Information im Dienst des Profits und der Kriminalität. Denn wie lassen sich die geheimen Informationen ein zweites Mal zu Geld machen? Durch Erpressung.

          Es soll aber auch eine Möglichkeit geben, den kleinen und elitären Käuferkreis aufzubrechen: wenn sich mehrere Käufer zu einer „Bieter-Crowd“ zusammenschließen. Die ersteigerten Informationen werden in diesem Fall mit allen Bietern von Slur geteilt und dadurch möglicherweise einer breiteren  Öffentlichkeit zugänglich gemacht. So wird die Allgemeinheit zur Kasse gebeten.

          Sollte die Plattform wie geplant im Juli an Start gehen, wird sie nicht nur mit einem Legitimitäts-, sondern auch mit einem Glaubwürdigkeitsproblem zu kämpfen haben. Schließlich sind die ersteigerten Informationen verschlüsselt. Man müsste die Katze im Sack kaufen. Offen ist auch die Frage, wer die Garantie für die Richtigkeit der geleakten Informationen übernähme. Im Falle von Streitigkeiten sollen Schlichter eingesetzt werden, doch das dürfte das Problem kaum lösen. Schließlich müssen die Betreiber ihren Kunden auch noch erklären, wie sie deren Anonymität gewährleisten wollen. Bitcoin-Transaktionen lassen sich nämlich öffentlich zurückverfolgen. 

          Weitere Themen

          Warum wir Tech-Optimisten sein sollten

          FAZ Plus Artikel: Davos 2019 : Warum wir Tech-Optimisten sein sollten

          Wie soll die Welt zusammenarbeiten, um Frieden zu wahren und nachhaltige Fortschritte zu beschleunigen? Der Gründer des Weltwirtschaftsforums meint: Wir brauchen neue Regeln. Dafür muss der Westen eine Tugend wiederentdecken.

          Erinnerung an große Meisterwerke Video-Seite öffnen

          Filmkritik „The Favourite“ : Erinnerung an große Meisterwerke

          Mit gleich zehn Nominierungen für die Oscars ist „The Favourite“ zumindest vorerst der Favorit. F.A.Z.-Filmkritiker Andreas Kilb erinnert der Film an die großen Meisterwerke des Genres, obwohl Kostümfilme eigentlich nicht sein Fall sind.

          Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille Video-Seite öffnen

          Robert Menasse : Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille

          Für seine Verdienste um die deutsche Sprache würdigte Malu Dreyer den Autor Robert Menasse „als großen Erzähler der Gegenwart“, der seit mehr als drei Jahrzehnten nicht aus der deutschsprachigen Literatur wegzudenken sei.

          Topmeldungen

          Brexit : Übernimmt das Unterhaus die Kontrolle?

          Am kommenden Dienstag stimmen die Abgeordneten des britischen Unterhauses über das weitere Vorgehen in Richtung Brexit ab. Die Änderungsanträge zur „neutralen Vorlage“ der Regierung haben es in sich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.