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Antideutsche Ressentiments : Was erlaubt sich Allemagne!

Doch schon am Tag danach legte sich der „Libération“-Kolumnist Luc Le Vaillant mit den „neurotischen Versöhnern“ an: „Wie wäre es mit einem Rauswurf der Deutschen?“ Mit ziemlicher Häme verspottet er die Vergangenheitsbewältigung der Deutschen, „die sich entschuldigen dafür, dass sie um Pardon bitten“. Gerade weil jetzt ja alles bereinigt sei, dürfe man nun „zur großen Schlacht der Ideen aufrufen, ohne gleich den Ausbruch des dritten Weltkriegs befürchten zu müssen“. Die Nostalgiker des Antifaschismus müssten erkennen, dass die Rückkehr des seit 1945 vielfach besiegten Hitler unwahrscheinlicher sei als ein Grexit.

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Davon abgesehen, erfreut sich Le Vaíllant sehr wohl an den aufgewärmten Klischees der Germanophobie in Mélenchons „ausgezeichnetem, hübsch übertreibendem“ Pamphlet. „Deutschland betreibt die Politik seiner Rentner. Es braucht einen starken Euro und dicke Dividenden. Um Investitionen in die Zukunft – für eine nicht existierende Jugend – kümmert es sich nicht. Die Ost-Erweiterung hat ihm billige Arbeitskräfte gebracht, die vom früheren sowjetischen Erziehungssystem bestens ausgebildet wurden.“ Deutschland mache Europa zu „einem christlichen Markt, zur Atombombe des Ordoliberalismus, zur Apotheose der Gegenrevolution“. Deshalb bleibe nur eine Lösung: der „Germexit“.

Eine Stimme der Vernunft?

Es bleibt in diesem sommerlichen Konzert französischer Mutmaßungen, in dem sich die Historiker als engagierte Kommentatoren der Gegenwart aufspielen, dem früheren Premierminister Michel Rocard vorbehalten, die Debatte zur politischen Vernunft und das Dilemma auf den Punkt zu bringen: „Das Schlimmste wurde vermieden. Wir wollen alle solidarisch sein, haben aber keine Lust zu zahlen.“ Selbstkritisch äußert Rocard sich über die französischen Politiker: „Nach 1989 plädierten die deutschen Verantwortlichen – linke wie rechte – regelmäßig für bessere Institutionen und die Vertiefung des politischen Europas. Jedes Mal reagierten die Franzosen mit einem Rückzieher.“ Für die von Präsident Hollande am 14. Juli versprochene „Wirtschaftsregierung der Eurozone“ sei es, schreibt Rocard, „höchste Zeit“.

„Die Griechen wurden gedemütigt, gedemütigt wurden mit den Nazi-Vergleichen aber auch die Deutschen.“: Michel Rocard

„Die Griechen wurden gedemütigt, gedemütigt wurden mit den Nazi-Vergleichen aber auch die Deutschen“, stellt Rocard fest: „Zweimal bereits hat Deutschland bezahlt, als Europa versagte.“ Er meint den Beitrag für Griechenland und die Kosten für die deutsche Wiedervereinigung. Rocard sieht sie nicht als Rückkehr zu einem bedrohlichen Großdeutschland, sondern als europäisches Ereignis, das die Überwindung des zweiten Totalitarismus bedeute.

Rocard plädiert im Falle Griechenlands für ein entschiedeneres Vorgehen gegen Steuerhinterziehung, für die Einführung der Tobin-Steuer und die Neubegründung eines Europas mit mehr Solidarität und Zahlungsbereitschaft: „Wir sind alle deutsche Griechen.“

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