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Antideutsche Ressentiments : Was erlaubt sich Allemagne!

Aus der Schuld- wurde die Schuldenfrage

Der Umschlag dieser Begeisterung, so Chapoutot, erfolgte im Zweiten Weltkrieg. Die griechische Armee stoppte den Vormarsch von Mussolinis Truppen, es „war der erste Rückschlag für die Achsenmächte“. Hitler besetzte Griechenland im April 1941. Doch die „schreckliche Besatzung“ habe „auf einer rassistischen Verachtung“ gegründet und „mündete in die Geburt eines gegenseitigen Hasses, der lebendig geblieben ist“. Faszination und der Minderwertigkeitskomplex hätten sich in ihr Gegenteil verkehrt: „Heute, sagen gewisse Deutsche, sind wir die Zivilisation.“

Athens Forderungen nach deutschen Reparationszahlungen sind in Paris dagegen auf wenig Verständnis gestoßen. Mit der Bereinigung der eigenen Vichy-Vergangenheit hat sich das französische Verhältnis zu Deutschland normalisiert, aus dem Zweiten Weltkrieg sind keine Rechnungen mehr offen. Doch dann brachte Thomas Piketty den Versailler Vertrag und den Schuldenerlass für die Bundesrepublik von 1953 in die Diskussion. Aus der Schuld- wurde die Schuldenfrage, und die „Lettres à mon ami allemand“ erweckten den Eindruck, die Griechen wären die neuen Deutschen: Wir Franzosen haben uns mit den Deutschen versöhnt und für sie bezahlt, diese sollen sich jetzt mit den Griechen solidarisieren.

Die Kanzlerin als „Stahlhelm“

Dass die von deutscher Seite vorgeschlagenen Sparmaßnahmen eine gute Voraussetzung dafür sein könnten, ist für die französische ökonomische Logik nicht nachvollziehbar. Gleichwohl gibt es in gemäßigten Kreisen viel Lob für Merkel. Nicolas Baverez, ein Schüler von Raymond Aron und Autor des Buchs „Französischer Niedergang“, hält fest: Von den Griechen wird eine Rentenreform verlangt, zu der die Franzosen nicht fähig sind. Der liberale Theoretiker Guy Sorman würdigt in „Le Monde“ die Kanzlerin: „Merkel verteidigt die Institutionen und Verträge, wir müssten ihr dafür dankbar sein.“

Kanzlerin mit „Stahlhelm“. Sehen die Franzosen so Angela Merkel?

Ein Kapitel der „Libération“-Sommerserie „Die Tabus“ ist Deutschland gewidmet. Es geht um die Entspannung unter Gerhard Schröder, dem „Schlussstrich-Kanzler“, und die Fußball-WM von 2006. Im Leitartikel mit dem Titel „Pickelhaube“* (die ein Magazin Angela Merkel verpasst hat) spricht der Chefredakteur Laurent Joffrin von einer „Krise der Vernunft“. Er fürchtet, dass die Exzesse in der Griechenland-Debatte das Klima dauerhaft vergiften könnten. Joffrin geißelt die „chauvinistischen Klischees“, „leichtfertigen Schuldzuweisungen“ und speziell Jean-Luc Mélenchons Kommentar über Angela Merkel: „als ob sie den Einmarsch in Frankreich vorbereiten würde“.

Die aufgewärmten Klischees der Germanophobie

Auch der Brief von Strauss-Kahn, der „aus den Alkoven auf die Tribünen zurückkehrt“, hat Joffrin missfallen: „Er macht Deutschland für ein Diktat verantwortlich, das von der großen Mehrheit der europäischen Staaten befürwortet wird.“ Es gebe keinen imperialistischen Willen der deutschen politischen Klasse: „Berlin ist näher bei Harpagon (Molières Geizigem) als bei Bismarck.“

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