https://www.faz.net/-gqz-8xt51

Ersatz für Antibiotika : Fragen über Phagen

  • -Aktualisiert am
Mikroskopische Aufnahme eines Bakteriophagen.

Ökonomisch oft nicht rentabel

Schon die Klassifizierung von Phagen stellt ein Problem dar: Die Wissenschaftler sind sich noch nicht mal einig darüber, ob man die Organismen, die über keinen eigenen Stoffwechsel verfügen, überhaupt als Lebewesen ansehen sollte. Dazu kommt, dass die meisten Wirkstoffe Cocktails aus vielen verschiedenen Phagentypen sind, die immer wieder aktualisiert werden müssen. Die Suche nach dem jeweils passenden Mix sei aufwendig und ökonomisch oft nicht rentabel, so die Kritiker der Therapieform. Ob die Phagen gegen ein Bakterium helfen, weiß man letztlich erst, wenn man es ausprobiert hat.

Dennoch könnten die Viren in der Therapielandschaft der Zukunft eine kleine, aber wichtige Nische neben dem Allheilmittel Antibiotikum besetzen: Hat man einmal den richtigen Phagenmix gefunden, wirke das Präparat fast immer so effektiv, dass keine neuen Resistenzen entstünden, sagt Mzia Kutateladze, die Direktorin des Institutes. Gerade bei chronischen Erkrankungen könne so eine dauerhafte Verwendung von Antibiotika vermieden werden. Vor allem könnten Phagen aber auch dann heilen, wenn kein Antibiotikum mehr hilft.

Seit die Weltgesundheitsorganisation die Bedrohung durch multiresistente Bakterien im Jahr 2015 zur globalen Gesundheitskrise ausgerufen hat, erlebt das Institut einen regelrechten Gesundheitstourismus. Was sich vermutlich noch steigern wird – jetzt, da deutsche Reporter enthüllt haben, wie fahrlässig die westliche Pharmaindustrie in Indien ihre Abwässer entsorgt. Mit der Folge, dass rund um Hyderabad die multiresistenten Bakterien wachsen und sich vermehren. Und sich verbreiten in der ganzen globalisierten Welt.

„Unsere deutschen Kollegen sind fast vom Glauben abgefallen“

Die Patienten, die den Weg hierher auf sich nehmen, haben meist alle gängigen Antibiotika ausprobiert. „Im Westen würden unsere Forschungsergebnisse nur gelten, wenn man sie mit langwierigen Wirksamkeitsstudien testen würde“, sagt Inga Georgadze. „Aber wenn ein Patient krank ist, hat man keine Zeit für teure Experimente. Vor kurzem hatten wir einen Mann aus Deutschland hier“, sagt die Professorin. „Er kam mit einer üblen Wundinfektion im Bauch, in Heidelberg wollte man ihm bereits Muskelfleisch entnehmen. Ich sagte ihm: ,Wenn Sie tun, was ich sage, wird es Ihnen bald besser gehen.‘ Als wir ihn nach zwei Wochen nach Hause schickten, sind unsere deutschen Kollegen fast vom Glauben abgefallen.“

Auf dem Weg nach draußen führt man uns noch in die institutseigene Apotheke. Wer sich keine maßgeschneiderte Phagentherapie leisten kann, bekommt hier Mixturen für die gängigen Erkrankungen – gewissermaßen das Äquivalent zum Breitbandantibiotikum. Ihre Volksnähe hat sich die georgische Phagenforschung bis heute erhalten. „Wie lange werden Sie noch arbeiten?“, haben wir die Professorin zum Abschied gefragt. Sie hat die Brille abgenommen und uns aufmerksam angeblickt. „Das werden wir sehen. Wenn Gott mir noch ein wenig Zeit gibt . . . Wissen Sie, wenn man sich seiner Aufgabe nicht voll und ganz widmet, bringt man es doch zu nichts.“

Weitere Themen

Sperrbezirk soll Bienen schützen

Amerikanische Faulbrut : Sperrbezirk soll Bienen schützen

Bei einem Bienenstand in Frankfurt-Goldstein ist eine ansteckende Seuche – die Amerikanische Faulbrut – entdeckt worden. Die bakterielle Brutkrankheit verbreitet sich schnell und kann zum Sterben ganzer Völker führen.

Topmeldungen

Ein Forscher des Australian Institute of Marine Science vermisst am Clerke Reef Korallenschäden.

Wende in der Klimakrise? : Noch ist nichts verloren

Der Klimaforscher Mojib Latif glaubt an die Wende in der Klimakrise – gerade nach dem Corona-Schock. In seinem neuen Buch „Heißzeit“ erklärt er, was auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zukommt.
Bewohner des dicht besiedelten Viertels Hillbrow in Johannesburg, Südafrika

Bevölkerungswachstum : Afrikas demographisches Dilemma

Bis zum Ende des Jahrhunderts leben elf Milliarden Menschen auf der Erde. Vor allem in Afrika steigt die Zahl. Was bedeutet das für den Kontinent und seinen Nachbarn Europa – auch im Hinblick auf das Coronavirus?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.