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Ersatz für Antibiotika : Fragen über Phagen

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Dass sich selbst Stalin damals von dem Wundermittel schnell begeistern ließ und dem jungen Eliava ein eigenes Institut spendierte, mag an der martialischen Effektivität der mikroskopischen Lebewesen liegen. Betrachtet man die damalige wissenschaftliche Agenda der Sowjetunion, kann man ohnehin leicht den Eindruck bekommen, dass die Ideen für dieses riesige Land einfach nicht groß genug sein konnten. Der Kalte Krieg war auch ein Krieg der Ideen; die Sowjetunion wollte ihn mit Ideen führen wie der Errichtung einer atombetriebenen Pumpenanlage in der Beringstraße, mit der man die Ströme des Pazifiks kontrollieren und so das Wetter auf der Nordhalbkugel verbessern wollte, oder mit Konzepten wie Pawlows Lerntheorie, die Träume von der Gestaltung eines neuen Menschen weckten. Im Rausch von Machbarkeitswahn und Futurismus erschienen selbst Projekte wie die Umleitung der sibirischen Flüsse in den Aralsee machbar. Dass dafür ein Stausee, groß wie ein Binnenmeer, hätte angelegt werden müssen, konnte das Pathos der Bolschewiken nicht bremsen.

Fotos der Pioniere Félix Hubert d’Hérelle und Georgi Eliava.

Eine Wolke sollte die Welt erobern

Wer sich in Tiflis nach den Instituten umschaut, in denen vor vierzig Jahren Wissenschaftsgeschichte geschrieben wurde, findet Orte, die gut aus einem Roman von Stanisław Lem stammen könnten: das Institut für Hagelforschung etwa, in dessen riesigem, halbverfallenem Turm sich eine Wetterkammer befindet, in der künstliche Wolken hergestellt werden. Im Kalten Krieg wurde die Manipulation des Wetters als heißes Konzept für die Eroberung der Welt gehandelt, und in den Vereinigten Staaten wuchs die Angst vor einer neuen Form sowjetischer Kriegsführung. Heute ist die Wolke meistens abgestellt, um Strom zu sparen.

Oder das Institut für Kybernetik, dessen Forscher im Auftrag des Kremls und unter strengster Geheimhaltung an Themen wie der künstlichen Intelligenz oder maschinengestützten Mustererkennung forschten. Aber auch die amerikanische Kybernetik war produktiv: Die Idee, Großrechner zu einem dezentralen Netzwerk zusammenzuschließen, sollte einige Jahre später das Zeitalter des Internets einleiten. Heute sind die letzten Pioniere der UdSSR alte Frauen und Männer. Viele haben den Glauben an die Bedeutung ihrer Arbeit nicht aufgegeben und halten wie Georgadze ihre täglichen Routinen aufrecht. Sie forschen weiter – in der Hoffnung auf eine bessere Rente und den wissenschaftlichen Nachwuchs, der ihre Ideen in die Zukunft rettet.

In den neunziger Jahren standen die sowjetischen Wissenschaftspioniere plötzlich vor der Frage, wie sich das Wissen der letzten beiden Forschergenerationen unter anderen politischen Vorzeichen weiterführen ließe. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion geriet die angewandte Forschung in Georgien in eine tiefe finanzielle Krise. Die letzten georgischen Präsidenten dachten bei Fortschritt vor allem an ausländische Investoren, die im Handumdrehen ganze Straßenzüge revitalisieren, und nicht an jahrzehntelange Grundlagenforschung. Der Großteil der Gelder, mit denen das Institut für Bakteriophagen finanziert wird, stammt daher heute vor allem aus der EU und den Vereinigten Staaten. Dass die Phagentherapie im Westen trotzdem nicht Fuß fassen konnte, mag ein Zeichen dafür sein, dass der ideologische Riss zwischen den Wissenschaftssystemen noch nicht vollständig gekittet ist. Denn während man im Osten weiterhin Phagen züchtet und im Alltagslabor der Volksmedizin erprobt, sind hier, in Deutschland zum Beispiel, für jedes Präparat aufwendige empirische Verfahren vorgesehen, mit denen zuerst die Wirkung und Risiken getestet werden, bevor Medikamente für den Markt zugelassen werden.

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