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Ersatz für Antibiotika : Fragen über Phagen

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Auch wenn die Methoden im Westen bekannt sind, das Wissen der Kultivierung und die Erfahrung in der Anwendung von Phagen reichen hier in Tiflis lückenlos bis zu Eliava zurück. Die 1920er und 30er Jahre waren eine Blütezeit für die Phagentherapie in der UdSSR. Seren mit Phagen wurden von Tiflis nach Moskau, Sankt Petersburg und Nowosibirsk geliefert. Wenn es einen Fall von Salmonellen oder Ruhr gab, wurden sie für ganze Landstriche als Prophylaxe verordnet, und in jeder Volksschule mussten die Kinder Phagensaft schlucken. Selbst eine Pestepidemie in einem militärischen Außenposten in Sibirien konnte man mit Hilfe von Eliavas mikrobiologischer Armada bekämpfen. Neben Georgien investierten auch Frankreich und die Vereinigten Staaten intensiv in die Forschung. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach und in den Lazaretten die Wunderkrankungen grassierten, sattelte der Westen jedoch auf ein anderes Mittel um, das gerade markttauglich geworden war: Penicillin. Doch weil die Herstellung von Antibiotika teuer war und wichtige Patente im Westen lagen, behandelte die Sowjetunion bakterielle Infekte weiterhin vor allem mit Phagen. Und so wurde Georgien mit dem Einbruch des Krieges zum wichtigsten Vertreter der Bakteriophagenforschung.

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„Ich bin das Kind von Pionieren“, sagt Inga Georgadze. Das Arbeitszimmer der Virologin wirkt wie das Wohnzimmer einer netten alten Dame. Aus einer vertäfelten Vitrine, zwischen Aktenordnern, schaut Georgi Eliava von einem gerahmten Schwarzweißbild. Daneben steht ein Foto ihres Vaters Irakli. Der war Eliavas Schüler und betreute den Pferdestall des Labors, bis er selbst im Jahr 1959 die Leitung des Instituts übernahm. Schon als Kind strich Inga über das riesige Gelände und ritt auf den Pferden, aus deren Urin die Ärzte Seren gegen Tetanus herstellten. Wenn sie sich das Knie aufschlug oder aus einer dreckigen Pfütze getrunken hatte, bestellte der Vater sie in sein Büro und gab ihr trüben Phagensaft zum Trinken. „Mir war klar, dass ich in die Forschung gehen wollte“, sagt sie und lacht. „Schon als junges Mädchen träumte ich davon, Viren im Weltall zu erforschen.“

Auf dem Tisch vor ihr liegen elektronenmikroskopische Schwarzweißaufnahmen von Bakteriophagen, als wären es die Bilder der jüngsten Enkelkinder. Die Nachzucht ist der ganze Stolz der Forscherinnen, über das Aussehen eines Phagen können sie leicht ins Schwärmen geraten. „Wenn wir ein neues Bakterium behandeln, überprüfen wir zunächst, ob wir einen passenden Phagen im Archiv haben, den wir auf die spezifische Erkrankung hin optimieren können“, sagt Mzia Kutateladze, die Direktorin des Institutes. Phagen sind kein chemischer Wirkstoff, sondern Organismen, die in jedem Bachlauf zu finden sind, bevorzugt in der Nähe von Bakterien. Wenn in der Natur neue Erreger entdeckt werden, ist damit die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass auch der passende Fressfeind nicht weit ist. Hilft ein Standardmedikament nicht, versuchen die Virologinnen einen auf den Patienten spezialisierten Phagenstamm zu entwickeln und legen seine Kopie im gekühlten Archiv in den Kellern des Instituts ab.

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