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Zur Nebensache geworden : Kampf ums Schulfach Erdkunde

Ohne Geographie kennt sich keiner mehr aus. Gerade deshalb ist das Fach aktuell schwer umkämpft. Bild: Picture-Alliance

Die Welt will begriffen werden: Erdkunde ist das Schulfach der Stunde, wird aber politisch bedrängt und zugunsten anderer Fächer gestrichen. Dabei ist Geographie alles andere als eine Nebensache.

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          Ständig werden neue Schulfächer gefordert. Wirtschaft, Gesundheit, Ökologie, Ernährung zum Beispiel. Keine dieser Forderungen ist leicht von der Hand zu weisen. Alles ist wichtig, alles ist nützlich, alles interessant und bildend, sofern gut unterrichtet. Im Grunde könnte man darum aus fast allem ein Schulfach machen. Wenn nur gesagt würde, wo die entsprechenden Stunden und Lehrkräfte herkommen sollen.

          Doch die Forderungen, den Stundenplan zu ändern, kommen gar nicht aus dem Interesse an den entsprechenden Weltausschnitten. Man will sich vielmehr ein gutes Gewissen machen und alle Probleme in den Schulen behandelt sehen, an denen die Erwachsenen scheitern. Wirtschaftsunterricht wird gar nicht verlangt, weil denjenigen, die ihn fordern, besonders viel zu ihm einfiele. Sondern weil man sich seitens von Ministerien und Verbänden vorstellt, durch Unterricht in Wirtschaft bei Jugendlichen ein angemessenes Verhältnis zur Bedeutung ökonomischer Fragen hervorzubringen. Besonders absurd war das nach der Finanzkrise 2008, als manche so taten, als sei sie auf einen Mangel an ökonomischer Kenntnis zurückzuführen, weswegen es dringlich geboten sei, endlich an den Schulen Wirtschaft zu unterrichten.

          Genauso verhält es sich mit der Stärkung von Politik und Geschichte, die man in Hessen gerade zum Schwerpunktfächern der Oberstufen gemacht hat. Nicht, weil die Lehrpläne irgendeine Spur historischer oder politischer Nachdenklichkeit zeigten. Sie sind so langweilig und erwartbar wie immer. Sondern weil man sich erhofft, die Schüler damit an ihre staatsbürgerliche Existenz heranzuführen.

          Zu Lasten allerdings ihrer weltbürgerlichen Existenz. Die Kosten der erweiterten Schulstunden in Politik trägt derzeit das Fach Erdkunde, worauf der Verband deutscher Schulgeographen seit längerem hinweist. Einen Leistungskurs in Geographie bieten, nach seiner Auskunft, nur sieben Prozent aller hessischen Schulen an. Mehrheitlich wird Geographie überdies von Lehrkräften unterrichtet, die etwas anderes studiert haben. In anderen Bundesländern sieht es nicht viel besser aus.

          Erdkunde bekommt neue Aufgaben

          Dagegen kann nun wiederum im Zeichen der gesellschaftlichen Gegenwart und vermuteten Zukunft protestiert werden. Eine Petition „Erdkunde für Hessen“ des Verbandes im Internet tut es. Ausgerechnet eine Koalition, in der die Grünen mitregieren, drängt Geographie schulpolitisch beiseite, wo es doch das Fach ist, in dem ihre Anliegen am besten aufgehoben sind: der Städtebau und die Folgen der monokulturellen Landwirtschaft, die Versiegelung der Böden und die Rodung des Regenwaldes, der Wald und die Vermüllung der Meere. Darüber Daherreden, ein paar Werte austeilen, freitags auf die Straße gehen und das dann für Politik halten, ist für Protestbewegungen angemessen. Verständlich zu machen, was „Versteppung“ bedeutet oder „Zersiedlung“, wäre hingegen die Aufgabe der Schule in den höheren Jahrgangsstufen.

          Viel wichtiger aber noch als der Anschluss des Klassenzimmers an die Debatten in den Massenmedien und die Weltprobleme sind Leistungen des Fachs Geographie, die zunächst gar nichts damit zu tun haben. In einer Zeit, in der das Raumbewusstsein vieler Kinder, Jugendlicher wie Erwachsener stark durch die Nutzung von Smartphones, Navigationssystemen und Reiseportalen geprägt ist, wachsen einem raumwissenschaftlichen Fach neue Aufgaben zu. Der Erdkundelehrer, der früher oft eigentlich ein Sportlehrer (männlich) mit einem leicht absolvierbaren Zusatzfach war, möge der Vergangenheit angehören. Erdkunde ist keine Nebensache. In Begriffen wie „Mobilität“ und „Ressource“ steckt mehr, als Ökonomen sich vorstellen. Wie erfolgt die Orientierung im Raum, wenn es Individualverkehr gibt? Was unterscheidet ein Dorf noch von einer Stadt? Wie wirkt wo Tourismus? Was ist ein Bach und was ein Baggersee?

          Unterrichten heißt in allen Fächern, Begriffe und Begriffszusammenhänge klären, den Nachwuchs mit Vokabularen ausstatten. Dazu ist Wissen nötig und dort, wo sie erschlossen werden kann, Anschauung. Die bekannte Aufklärung darüber, dass die Himmelsrichtungen den Raum nicht in links und rechts, oben und unten aufteilen, ist ein elementares Beispiel dafür, was räumliches Denken heißt. Unser Vokabular ist voller geographischer Begriffe. Vegetation, Gletscher, Region, Erdbeben, Standort, Hafen, Großstadt, Lawine, Landschaft und so weiter. Den Sinn für sie zu entwickeln, würde Geographie auch dann zu einem wichtigen Schulfach machen, wenn wir uns nicht um das Abschmelzen der Polkappen oder die Wasserversorgung der Menschheit Gedanken machen müssten.

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