https://www.faz.net/-gqz-vdak

Gentests für Einwanderer : Nur den Kindern zuliebe

  • -Aktualisiert am

Die anderen tun es doch auch: Minister Brice Hortefeux Bild: AP

Eine Gesetzesvorlage zur Immigration sorgt in Frankreich für Streit. Einwanderer, die ihre Kinder zu sich holen möchten, sollen sich demnach einem Gentest unterziehen - um nachzuweisen, dass sie wirklich die leiblichen Eltern sind.

          So wäre halb Europa - elf EU-Länder - also längst dabei, per DNS-Test seine Zuwanderer auszuwählen? Das jedenfalls ist das Hauptargument, mit dem der französische Minister für Immigration, Integration, nationale Identität und Entwicklungspartnerschaft, Brice Hortefeux, einen Zusatz in seiner Gesetzesvorlage zur Immigration rechtfertigen will. Die anderen tun es doch auch, lautet die Botschaft, und Europa habe deshalb seine humanistische Seele nicht verloren.

          Es geht um die Praxis der Familienzusammenführung. In vielen, insbesondere in afrikanischen Ländern seien die Zivilstandsämter so chaotisch, dass der Vaterschafts- oder Mutterschaftsnachweis kaum erbracht werden könne, wenn Kinder mit nach Europa gebracht würden, erläutert der südfranzösische Parlamentsabgeordnete Thierry Mariani, die Gesuche würden deshalb endlos verschleppt. Dafür gebe es eine einfache Lösung: den Gentest - im Grunde eine Maßnahme der Humanität.

          Breite Debatte

          Den Immigranten, die ihre Kinder nach Frankreich nachholen wollen, solle in diesen Fällen von den Konsulaten ein - selbstfinanzierter - Test vorgeschlagen werden, besagt der Antrag, den der Abgeordnete ins neue französische Immigrationsgesetz eingefügt sehen möchte und der von der Regierung unterstützt wird. Im Land löste das Vorhaben jedoch eine breite Debatte aus. Frankreich zeigt sich darin von seiner besten Seite. Was anderswo hochrangig in Expertenzirkeln diskutiert und dann kleinlaut in Gesetzesnischen verstaut wird, kommt durch eine aktive Debattenkultur auf die Hauptbühne des republikanischen Grundsatzstreits.

          Das Argument mit den elf europäischen Ländern, darunter Deutschland, in denen Gentests bei der Einwanderungspolitik angeblich schon zur Anwendung kommen, ist nicht ganz falsch, nur arg verkürzt. Es bedeutet in den meisten Fällen einfach, dass die Gesetzestexte noch nicht so weit sind und der Praxis hinterherhinken. In Dänemark oder Norwegen werden solche Genanalysen seit den neunziger Jahren im Bedarfsfall vorgeschlagen und oft auch vom Immigrationsland finanziert. In England wirbt eine Firma, die solche Analysen anbietet, mit der Meldung, schon 1985 habe Professor Jeffreys die Familienzugehörigkeit eines Jungen aus Ghana nachweisen können und ihm so das Visum für England verschafft.

          „Gebotene Mittel“

          In Deutschland ist, wie in Frankreich, eine DNS-Erfassung nur auf richterlichen Beschluss hin möglich, im Allgemeinen für die Untersuchung von Spurenmaterial bei Straftaten und für die Identitätsaufnahme bei Strafverfahren. Das deutsche Aufenthaltsrecht besagt aber gleichzeitig, jeder Ausländer müsse Alter und Identität angeben können, anderenfalls seien die „gebotenen Mittel“ zu ergreifen. Also Gentest, schließen manche und reihen auch Deutschland eilfertig in die Gruppe der Befürworter wissenschaftlich fundierter Einwanderungspolitik ein.

          Wissenschaftlich? Wie die meisten französischen Kritiker des Projekts feststellen, von der Menschenrechtsliga über Wissenschaftlerkollektive bis zu Elternverbänden, geht es in Wahrheit mehr ums Prinzip und um die Symbolik als um den praktischen Nutzen der Sache. Viele Ausländer scheinen einem Test gar nicht abgeneigt zu sein, um nur das Nachkommen ihrer Angehörigen zu beschleunigen. Was für ein Familienmodell steht aber hinter einer solchen Maßnahme? Doch offenbar das eines genkettenvergleichenden biologischen Determinismus. Zwei Auslegungen des Gesetzesprojekts eröffnen Perspektiven der Kritik: zum einen die anthropologische im Sinne von Claude Lévi-Strauss und dessen „Elementaren Strukturen der Verwandtschaft“, zum anderen die biopolitische im Sinne Foucaults und dessen Begriffs der Biomacht im ersten Teil von „Sexualität und Wahrheit“.

          Eingeengt auf die Kleinfamilie

          Die erste Sichtweise führt dazu, die Familie nicht ausschließlich auf die moderne westliche Kleinfamilie einzuengen. Ohne das europäische Immigrationsrecht auf Sippschafts- und Clanstrukturen umstellen zu wollen, bedeutet dies, dass der Familienkreis über die unmittelbare biologische Abstammungslinie hinausreichen kann, was christliche Fürsorgetraditionen und moderne Tendenzen der Kinderadoption oder durch Zweitehe erweiterte Haushalte ohnehin schon nahelegten. Die biopolitische Sicht auf die Gentestdebatte lässt eine Neigung der autoritätsscheuen Demokratie sichtbar werden, politische Entscheidungen wissenschaftlich zu verkleiden. Wer darf kommen? Fragt die Laboranten.

          Das befördert, vor dem Hintergrund des europäischen BioDev-II-Programms (Biometric Data Experimented in Visas) und der entsprechend vernetzten Datenbanken zwischen acht Ländern, ein Menschenbild, das sich immer weiter vom Aufklärungsideal des autonomen Subjekts entfernt. Die Wachsamkeit von Kommissionen für individuelle Freiheit genügt hier nicht mehr. Gentests für Ausländer schaffen einen neuen Präzedenzfall. Man könne sich gut vorstellen, dass irgendwann auch die Staatszugehörigkeit per DNS gemessen werden solle, protestiert der Genforscher Axel Kahn. Ein einfacherer und mit unseren Werten besser verträglicher Weg, Zivilstandsfragen zu klären, könnte, wie Leitartikel vorschlagen, darin liegen, den Zivilstandsämtern in den Herkunftsländern auf die Sprünge zu helfen. In der institutionellen Dreistaffelung von Foucaults Machttheorie hieße das, im mittleren Teil stehenzubleiben, bei der Bürokratie: jenseits der despotischen Machtwillkür, aber diesseits noch vom Determinismus der Labors.

          Weitere Themen

          „Ick wollte Klagenfurt sehen“

          Bachmannpreis und DDR : „Ick wollte Klagenfurt sehen“

          Zwischen 1986 und 1989 gab es beim Bachmannpreis vier aus der DDR stammende Gewinner. Was hatte das literarisch und politisch zu bedeuten? Ein Berliner Symposium brachte die Protagonisten von damals jetzt zusammen.

          Topmeldungen

          Bsirskes Zeit bei Verdi : Immer wieder Frank

          Verdis Vorsitzender Frank Bsirske geht in Rente. 19 Jahre lang leitete er die größte Baustelle der Gewerkschaftsbewegung. Fertig ist sie noch nicht.
          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.