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Genozid an den Armeniern : Auch Obama vermeidet den Begriff Völkermord

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Aus der Dokumentation „Aghet”: Kleiner Zug von Armeniern entlang einer Mauer, Mädchen reiten auf Lasttieren Bild: PHOENIX/NDR/Lepsius Archiv

„Aghet“, der NDR-Film über den Genozid an den Armeniern, wird in den Vereinigten Staaten gezeigt. Abgeordnete des Kongresses sollen ihn sehen. Ob Amerika anerkennt, was in der Türkei geschah? Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmer Eric Friedler.

          Ihr Film „Aghet“ über den Völkermord an den Armeniern, der im ersten Programm und bei Phoenix gelaufen ist, wird nun an ungewohntem Ort aufgeführt. Wie ist es dazu gekommen?

          Zahlreiche Abgeordnete des amerikanischen Kongresses und Senatoren, die ich für den Film interviewt habe, haben die Dokumentation inzwischen gesehen. Viele waren offenbar verblüfft, wie viele Zeitzeugenaussagen es gibt, die den Massenmord von 1915 beschreiben.

          Dabei ist der amerikanischen Politik das Thema nicht neu.

          Stimmt. Gerade die Vereinigten Staaten hatten damals überall in der Türkei Diplomaten, die alles klar dokumentiert haben. Doch nach über 95 Jahren sind wohl selbst diese altbekannten Aufzeichnungen vielen amerikanischen Politikern nicht mehr präsent. Im März dieses Jahres hat der Auswärtige Ausschuss des Kongresses eine nicht bindende Resolution gefasst, eine Art Empfehlung, den Völkermord an den Armeniern anzuerkennen. Diese Empfehlung muss im Kongress aber noch bestätigt werden. Für die Entscheidungsfindung erscheint es zahlreichen Abgeordneten nun offenbar wichtig, den Film zu zeigen. 2007 hat es schon einmal eine - nicht bindende - Resolution gegeben. Über die kam es aber im Kongress nicht einmal zur Abstimmung. Der damalige Präsident George W. Bush hat, wie mir berichtet wurde, persönlich zum Hörer gegriffen, um Abgeordnete von einer Abstimmung abzubringen. Der Druck aus Ankara war offenbar zu groß. Schon nach der - wie gesagt, nicht bindenden - Resolution des auswärtigen Ausschusses 2007 war der türkische Botschafter in den Vereinigten Staaten abgezogen worden. Das wiederholte sich im März dieses Jahres. Es könnte also abermals passieren, dass es nicht zur eigentlichen Abstimmung im Kongress kommt.

          Zeigt seinen Film in den Vereinigten Staaten: Eric Friedler

          Wie das?

          Weil der türkische Botschafter sehr schnell wieder nach Amerika zurückgekehrt ist. Für viele deutet das darauf hin, dass man sich in Ankara und Washington möglicherweise darüber geeinigt hat, dass das Thema nicht auf die Tagesordnung des Kongresses gehört. Der Punkt muss vom Sprecher des Repräsentantenhauses aufgerufen werden. Das ist im Augenblick eine Sprecherin, die demokratische Politikerin Nancy Pelosi. Sie befürwortet eigentlich, den Völkermord an den Armeniern anzuerkennen. Aber wenn sich keine große Mehrheit für eine solche Resolution abzeichnet, will man es gar nicht wagen.

          Stehen die Chancen denn nun besser als zuvor? Barack Obama hat den Völkermord an den Armeniern als solchen benannt - als er noch Senator war. Als Präsident hat er das bislang tunlichst vermieden.

          So ist es. Er hat noch im Wahlkampf vom Genozid an den Armeniern gesprochen. Als Präsident hat er es bei einer Rede vor dem türkischen Parlament nicht getan. Er vermeidet das „G-Wort“, also das Wort Genozid. Das ist ein völkerrechtlicher Begriff, den die türkische Regierung nicht hinnehmen will.

          Dabei geht es gar nicht um die aktuelle Regierung, sondern um das längst vergangene osmanische Regime.

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