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Genomentschlüsselung für alle : Sie haben ein erhöhtes Risiko für Prostata-Krebs

  • -Aktualisiert am

Träger unserer Erbinformation: Strukturmodell eines DNA-Moleküls Bild: picture alliance

Das Unternehmen 23andMe entschlüsselt Genome für 99 Dollar und baut so eine der größten Gen-Datenbanken weltweit auf. Die Kunden müssen lediglich eine Speichelprobe einsenden. Unser Autor hat das getan und befragt die Sprecherin von 23andMe zu den Ergebnissen.

          Im Silicon Valley hat der Wettlauf um die menschliche DNA begonnen. Ausgerechnet ein Start-up, das eng mit dem Suchmaschinen-Giganten Google verwoben ist, schickt sich an, die weltgrößte Datenbank für menschliches Erbgut aufzubauen. In Mountain View, Kalifornien, keine zwei Straßenblocks von der Google-Unternehmenszentrale entfernt, sitzt das Start-up 23andMe. Die unscheinbare Firma gehört weltweit zu den Marktführern im Sammeln und Auswerten von Gen-Daten. Für 99 Dollar kann dort jeder per Postversand seine DNA auf Erbkrankheiten analysieren lassen. 450000 Kunden haben das schon getan. Sieben Jahre nach seiner Gründung zählt die Firma zu einer der größten Gen-Datenbanken weltweit. Die räumliche Nähe zu Google ist kein Zufall. Firmenchefin von 23andMe ist Anne Wojcicki, Ehefrau des Google-Mitbegründers Sergej Brin.

          Vor einigen Wochen habe ich zu Recherchezwecken eine Speichelprobe an 23andMe geschickt und mein Erbgut analysieren lassen. Dabei habe ich unter anderem erfahren, dass ich ein erhöhtes Risiko für Prostata-Krebs mit mir herumtrage und dass meine Vorfahren aus dem nordafrikanischen Raum stammen. Leider blieb mir der Test einige wesentlichen Antworten schuldig, etwa die Frage nach dem Datenschutz und wofür meine Gen-Daten in Zukunft verwendet werden. Meine zahlreichen Interviewanfragen an 23andMe wurden ignoriert. Deshalb bin ich kurzerhand in ein Flugzeug gestiegen und habe der Firma einen Besuch abgestattet. Unternehmenssprecherin Catherine Afarian zeigte sich überrascht, als ich plötzlich in der Tür stand, nahm sich aber schließlich Zeit für meine Fragen.

          Frau Afarian, wir sind uns nie begegnet, und doch wissen Sie nahezu alles über mich: Sie kennen meine Abstammung, meine gesundheitlichen Schwächen, meine intimsten Daten. Dabei haben Sie sich nur einen Bruchteil meiner DNA angesehen, wie ist das möglich?

          Das ist korrekt. 23andMe nutzt ein Verfahren, das wir Genotypisierung nennen. Wir sehen uns nur bestimmte Stellen Ihres Genoms an, von denen wir durch wissenschaftliche Untersuchungen wissen, dass sie Einfluss auf Ihre Gesundheit oder Ihre Abstammung haben. Eine komplette Analyse würde bedeuten, dass wir Ihre komplette DNA aufschlüsseln. Diesen Service bieten wir heute so noch nicht an.

          Über wie viel Prozent meines gesamten Erbguts reden wir also?

          Sie besitzen etwa drei Milliarden Basenpaare in Ihrem kompletten Genom. Davon betrachten wir in etwa eine Million individuelle Stellen. Das entspricht statistisch in etwa einem halben Prozent, was auf den ersten Blick recht wenig zu sein scheint. Sie dürfen aber nicht vergessen, dass alle menschlichen Wesen rund 99,5 Prozent ihrer gesamten DNA teilen. Sprich: Wenn Sie von einer Person zur nächsten schauen, so unterscheidet uns tatsächlich nur ein halbes Prozent der DNA voneinander.

          Für seine Kunden erstellt 23andMe einen sogenannten Krankheitsreport, der Hinweise darauf gibt, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, an bestimmten Leiden zu erkranken. Doch was folgt daraus?

          Eine Gen-Analyse kostet bei Ihnen 99 Dollar. Experten sagten mir, das sei unschlagbar günstig. Wie machen Sie das?

          Wir denken über Genetik völlig anders als die meisten unserer Mitstreiter. Wenn ich früher als gewöhnlicher Mensch einen Gen-Test durchführen lassen wollte, bin ich zum Arzt gegangen. Der traditionelle Ansatz war es, sich dabei ausschließlich diejenigen Gene anzusehen, die für eine bestimmte Erkrankung in Frage kommen. Niemand wäre auf die Idee gekommen, so viele Daten wie nur irgend möglich zu scannen und nachzusehen, was deine DNA sonst noch über dich verrät. Was wir von 23andMe gemacht haben, ist zu sagen: Hier sind die 250 Aussagen, die wir über dich treffen können – und zwar nach dem heutigen Stand der Forschung. Würde man all diese Analysen jedes Mal aufs Neue einzeln abfragen, würde das Tausende von Dollar kosten.

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