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Genitalverstümmelung : Keine Anzeige, keine Ermittlung, kein Urteil

  • -Aktualisiert am

Mitglieder von „Terre des Femmes” machten im August in Berlin auf die Folgen der weiblichen Genitalverstümmelung aufmerksam Bild: dapd

Keine deutsche Strafvorschrift verbietet ausdrücklich das Abschneiden äußerer Geschlechtsorgane. Dem Kampf gegen das Unrecht der Genitalverstümmelung mangelt es an Konsequenz.

          Gute Eltern schenken ihren Kindern Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Fürsorge. Körperverletzungen aus sozialen oder religiösen Gründen sollten ein Tabu sein. Für Tätowierungen, Piercings, Schönheitsoperationen oder Abschneidungen im Genitalbereich oder andernorts können sich Kinder, sobald sie volljährig geworden sind, selbst entscheiden. Gleichwohl drücken einige Eltern ihren Kindern ihre eigenen Vorstellungen von „Das ist schön!“ oder „Das gehört sich so!“ auf.

          In der Regel harmlos ist das Durchstechen der Ohrläppchen der nicht selten zweijährigen Töchter zwecks Tragens von Ohrschmuck. Schwerer wiegt das Abschneiden der Penisvorhaut bei Jungen im Alter von wenigen Tagen bis 13 Jahren; Gefäßknoten und Verwachsungen sowie posttraumatische Belastungsstörungen können die Folge sein. Die männliche Beschneidung an Minderjährigen, eine Körperverletzung im Sinne des Paragraphen 224 des Strafgesetzbuchs, wird von unserer Gesellschaft unbestraft geduldet, weil sie religiös, insbesondere jüdisch, begründet und gesundheitlich unbedenklich sei.

          Dagegen ist das Abschneiden der Klitoris nie zu rechtfertigen, selbst an Volljährigen nicht. Betroffen sind Töchter von Eltern mit Herkunft etwa aus Ägypten oder West- bis Ostafrika. Weltweit bekanntgeworden ist diese Sitte 1997 durch das Buch „Wüstenblume“ von Waris Dirie. Den Töchtern im Alter von meist ein bis 14 Jahren werden die Klitoris und, je nach Brauch ganz oder teilweise, die kleinen und großen Schamlippen abgeschnitten. Ohne Narkose.

          Das Abschneiden der Klitoris entspricht dem Abschneiden des Penis. Obwohl Letzteres eine schwere Körperverletzung gemäß Paragraph 226 StGB darstellt, gilt das Entfernen der Klitoris nicht als eine solche. Und dies in Kenntnis der Folgen und damit des Unwertgehalts der Tat: Das Opfer verliert irreparabel das Sexualempfinden und erfährt, weil von den eigenen Eltern im Stich gelassen, ein Trauma, welches demjenigen nach einer Vergewaltigung (Paragraph 177 StGB) vergleichbar ist. Zweierlei Maß!

          Zehn Verurteilungen in Frankreich

          Dirie hat in ihrem Buch das ihr in Somalia zugefügte Leid beschrieben. Frau Ayaan Hirsi Ali, ebenfalls in Somalia genitalverstümmelt, berichtete in ihrem 2005 erschienenen islamkritischen Buch „Ich klage an!“, dass infolge der Zuwanderung die Genitalien nun auch in den Niederlanden und in Frankreich häufig abgetrennt werden. Der Schluss auf Taten in Deutschland liegt nahe, aber wissenschaftlich fundierte Zahlen fehlen. Täter und Opfer schweigen. Eine strafrechtliche Verurteilung in Deutschland hat es bisher nicht gegeben. Ebenso wenig in Österreich. Aus der Schweiz ist lediglich das Strafurteil des Obergerichts Zürich am 26. Juni 2008 bekannt. In Frankreich gibt es schon mehr als zehn Verurteilungen.

          Der in Hamburg ansässige eingetragene Verein Plan International Deutschland hat Ende 2010 versucht, durch Befragung von Zuwanderern Zahlen für das Land Hamburg zu erlangen. In dem Bericht „Listening to African Voices - Female Genital Mutilation/Cutting among Immigrants in Hamburg“ vom Februar 2011 steht, dass vier Befragte von in Hamburg, Kassel, Frankfurt am Main und Berlin begangenen Taten gehört haben. Von weiblichen Genitalverstümmelungen in Deutschland ist auszugehen.

          Eine eingeschlafene Arbeitsgruppe

          Aus Furcht vor drohender Genitalverstümmelung an in Deutschland lebenden Mädchen sind in den Jahren 1994 bis 2011 mindestens zehn Familiengerichtsverfahren mit dem Ziel angestrengt worden, das Sorge- beziehungsweise Umgangsrecht der Eltern zu beschränken - teilweise mit Erfolg. Sogar der Bundesgerichtshof musste einmal entscheiden.

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