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Jürgen Kaube (kau)

„Wertschätzende“ Sprache : Ich bin eine

  • -Aktualisiert am

Im vorigen Jahrhundert ging es in der Phantasie vieler Kinder noch nicht um „nordamerikanische Ureinwohnern“. Bild: Picture-Alliance

Wie spreche ich andere an? Wie spreche ich über mich, wie erinnere ich mich? Wer sich in „wertschätzender“ Sprache übt, steht vor Herausforderungen – in der Kölner Stadtverwaltung wie als politisch Kandidierende.

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          Die Angestellten und Beamten der Kölner Stadtverwaltung erhalten dieser Tage einen Leitfaden, in dem sie unterrichtet werden, wie sie „wertschätzend“ sprechen sollen. So sollen sie statt „jeder“ künftig „alle“ sagen, weil jeder – Bürger, Kölner, Jeck – ja nur Männer anspreche. Stimmt zwar nicht, aber wird von einer aktiven Minderheit so empfunden. Außerdem werden aus Fußgängern und aus Fußgängerinnen, wie berichtet wird, in Köln demnächst Zufußgehende. Ob daraus dann auch Zufußgehendenzonen und -ampeln folgen, dürfte vom Bedürfnis der entsprechenden Beauftragten abhängen, sich weiter wichtig zu machen.

          Über die Geschlechterfragen hinaus geht der Rat, auf Wendungen wie „Rufen Sie uns an“ oder „Gehen Sie bitte zum Ausgang“ zu verzichten. Sie könnten Gehörlose und Rollstuhlfahrer verletzen. Ob der telefonneutrale Vorschlag „Treten Sie an uns heran“ zwar die Gehörlosen nicht mehr, dafür jedoch erneut manche Rollstuhlfahrer missachtet, bleibt eine offene Frage. Genauso offen ist, wie viele solcher Verletzungen gegenüber den Behörden tatsächlich geäußert wurden, von empfindsamen Zufußgehenden beispielsweise. Interessant ist, dass nicht nur die Formulare und Schriftsätze des Verwaltungskölnisch geändert werden sollen, sondern die Empfehlung auch für die Amtsgespräche untereinander gilt. Mal sehen, wer sich außerhalb von Fastnachtsdonnerstagen daran halten wird.

          Noch weiter in die Feinsteuerung des mündlichen Austauschs geht ein Vorschlag, der Frauen rät, von sich selbst nicht mehr als „jemand“, sondern besser als „eine“ zu sprechen. Wer sagt „Ich bin jemand, der alles schnell erledigt“, wird auf den Irrtum hingewiesen, nicht „Ich bin eine, die alles schnell erledigt“ gesagt zu haben. Empirisch könnte es sein, dass die Form, die „jemand“ und „die“ kombiniert, längst üblich ist. Doch die Pointe des Leitfadens liegt eben darin, den Zeigefinger auch bei Eigenbezeichnungen zu erheben, so als würden Frauen, die nichts an „jemand“ auszusetzen finden, damit sich selbst nicht „wertschätzend“ begegnen.

          Zu diesem Vorantreiben der sprachlichen Empfindungspflicht passt ein Vorgang auf dem Berliner Landesparteitag der Grünen. Dort war die Spitzenkandidatin gerade gefragt worden, was sie als Kind gern werden wollte, und tatsächlich antwortete sie: „Indianerhäuptling“. Das ging, obwohl unter den Delegierten nur ein paar ältere Stadtindianer waren, nicht gut, und kurz darauf entschuldigte sich die Regierende Bürgermeisterin in spe für unreflektierte Kindheitserinnerungen. Hätte sie besser sagen sollen: „Ich wollte Chefin eines Stammes nordamerikanischer Ureinwohnender werden“? Das aber wollte sie damals ja gar nicht. Doch noch das vergangene Ich soll sprachlich vom heutigen bearbeitet werden, so als sei das Kind ein Kinderbuch, und so, als habe es sich einst getäuscht. Was Wertschätzung ist, wird mithin recht einseitig, sehr weitgehend und zunehmend unter Inkaufnahme von Lächerlichkeit festgelegt.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

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