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Raubkunst : Afrikanische Renaissance

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Kolonialgeschichte, Mode und Gegenwart: Die Künstlerin Vitjitua Ndjiharine posiert vor dem ausgemusterten kaiserlichen „Reiterdenkmal“ in dem Projekt „Decolonycities“ der Hamburger Choreographin Yolanda Guitiérrez. Bild: Werner Bloch

Dreiundzwanzig Objekte sind schon da: In Namibia zeigt sich, wie Restitution praktisch gelingen kann – jenseits aller ideologischen Aufregung.

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          Im Streit um die Rückgabe afrikanischer Kulturgüter aus europäischen Sammlungen steht die ehemalige deutsche Kolonie im Rampenlicht, seitdem ein einzigartiges deutsch-namibisches Pilotprojekt in die Tat umgesetzt wird. Ende Mai waren dreiundzwanzig Objekte aus dem Berliner Ethnologischen Museum in Windhoek eingeschwebt und lösten vor Ort einen Medienhype aus. Kurz darauf jetteten Hermann Parzinger, Chef der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), und Lars-Christian Koch, Sammlungsdirektor im Humboldt Forum, nach Windhoek, um die Übergabe zu begleiten.

          Niemand ahnte, wie viel Staub diese Reise auslösen würde. Selbst in angesehenen deutschen Medien war von Räuberpistolen zu lesen. Die Pressekonferenz fand im Independence Museum statt, einem bronzenen Turm in Form einer Kaffeekanne, der von nordkoreanischen Architekten errichtet wurde. Dort tagte man in einem Saal, der jedem Splattermovie zur Ehre gereicht hätte: abgeschlagene Köpfe an der Wand, dräuende Armeen, Bilder und Skulpturen von leidenden Körpern dunkelhäutiger Widerstandskämpfer, die an Käfigen und Gittern rütteln.

          Das monströse Unabhängigkeitsmuseum ist der steingewordene Regierungsanspruch der ehemaligen Befreiungsorganisation SWAPO, die das Land seit 1990 dominiert. Und jetzt massive Reparationen von Deutschland fordert. „Das deutsche Angebot ist eine Beleidigung“, ruft der Journalist Kelvin Chiringa. „Ich erwarte eine aufrichtige Entschuldigung von den Deutschen für 100.000 ermordete Namas und Hereros. Steinmeier soll im Parlament sprechen!“

          Schmuck, ein Messer, eine konturlose Puppe mit weißem Gesicht

          Der Bundestag hatte sich 2021 zu einer Anerkennung des Genozids durchgerungen, das Auswärtige Amt hat Entschädigungszahlungen über 1,1 Milliarden Euro ausgehandelt. Doch der Regierung in Windhoek genügt das nicht mehr, sie will nachverhandeln. Zugleich gibt es Unruhe und Protest unter den Opferverbänden: Hereros und Namas fühlen sich nicht genügend an den Verhandlungen beteiligt, sie fürchten, leer auszugehen. Derzeit liegt das „Aussöhnungsabkommen“ mit der Bundesrepublik auf Eis.

          Martialische Wandmalerei im Unabhängigkeitsmuseum von Windhoek in Namibia
          Martialische Wandmalerei im Unabhängigkeitsmuseum von Windhoek in Namibia : Bild: Werner Bloch

          Wer in der Stadt Spuren des Kolonialismus sucht, muss feststellen, dass viele Überreste deutscher Herrschaft in den letzten Jahren beseitigt wurden. Beinahe hat man den Eindruck, als sei die dreißigjährige Kolonialzeit der SWAPO peinlich. Das „Reiterdenkmal“, das bekannteste Wahrzeichen der Epoche, ist von seinem angestammten Platz verschwunden. „Die Regierung hat das abgebaut“, erzählt ein Guide in makellosem Deutsch. „Die haben das Denkmal in die Alte Feste gebracht, das ehemalige Hauptquartier der Kaiserlichen Schutztruppen. Doch das ist geschlossen. Es scheint, als wolle Namibias Regierung die Vergangenheit verschweigen.“

          Verschweigen aber lässt sich in Wind­hoek nichts. Direkt vor der Alten Feste erhebt sich jetzt das Genocide Memorial, die überdimensionale Skulptur eines schwarzen Paares, das seine Fäuste in den hellblauen Winterhimmel reckt. Gegenüber, im National Museum of Namibia, begutachtet Direktorin Esther Moombolah-Goagoses die aus Berlin eingetroffenen Artefakte. Schmuck, ein Messer, eine konturlose Puppe mit weißem Gesicht. Die Doyenne der namibischen Museumswissenschaft mit besten Kontakten zur Regierung zeigt sich beglückt über das Projekt „Confronting Colonial Pasts, Envisioning Creative Futures“, das janusköpfig in Vergangenheit und Zukunft blickt. „Die in Berlin ausgewählten Objekte sind alle wichtig für uns, weil es keine Entsprechungen in Namibia gibt. Wir brauchen sie, um unsere eigene Geschichte zu erforschen“, erzählt die Museumschefin. Im Übrigen sei dies nur ein Anfang, es könne „jederzeit noch zu vielen weiteren Rückgaben kommen“.

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