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Israelische Nationalbliothek : Ein koordinierter Aufschrei

Vision des ewigen Friedens: Tryptichon von Mordechai Ardon in der Israelischen Nationalbibliothek an der Hebrew University Bild: Reuters

Die israelische Nationalbibliothek in Jerusalem war zwei Wochen lang geschlossen und ist jetzt wieder geöffnet. Neben der Corona-Pandemie hat sie auch eine politische Blockade in die Krise gebracht. Geschichte einer Erregung.

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          Im vergangenen Monat schloss die Nationalbibliothek Israels (NLI) in Jerusalem vorübergehend ihre Tore. Die Regierung hatte das Budget gekürzt, und auch die Spenden waren nicht mehr so üppig geflossen wie zuvor. Die bedeutendste kulturelle Einrichtung des Landes ging damit in einen ganz eigenen Lockdown: Dreihundert Mitarbeiter wurden in unbezahlten Urlaub geschickt. Während die Bibliotheksleitung die Regierung dazu aufforderte, die notwendige Soforthilfe fließen zu lassen, damit „die Nationalbibliothek des Staates Israel und des jüdischen Volkes“ ihre wichtige Arbeit verrichten könne, ging ein Aufschrei durch die Medien. Gleichgültig, welches Ministerium dafür zuständig sei, schimpfte die „Jerusalem Post“, in der „aufgeblähten Regierung“ müsse es doch genügend Minister geben, denen die Bedeutung dieses Ortes klar sei. Das „Volk des Buches“ könne sich nicht erlauben, seine Nationalbibliothek zu verlieren.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Der Vorfall hat einen Hintergrund: Auch nach drei Wahlrunden nämlich ist die israelische Regierung nicht in der Lage, den Haushalt 2020 zu verabschieden. Um künftigen Entscheidungen nicht vorzugreifen, erhalten Einrichtungen in solchen Fällen nur einen „Nothaushalt“ von neunzig Prozent der Summe des Vorjahrs. Niemand muss in diesem Zusammenhang an den peinlichen Umstand erinnern, dass für 2021 die Einweihung des Bibliotheksneubaus durch das Schweizer Studio Herzog & de Meuron in unmittelbarer Nähe der Knesset vorgesehen ist. Das spektakuläre Gebäude ist außen so gut wie fertig. Wird demnächst also eine Einrichtung umziehen, die pleite ist?

          Der kritischste Artikel zum Thema erschien in der Zeitung „Haaretz“. Der Autor, Yitzhak Hen, leitet das Israel Institute For Advanced Studies (IIAS) der Hebrew University. Bis heute kommt die Universität, aus der die Nationalbibliothek hervorgegangen ist und auf deren Campus sie immer noch steht, für ein Viertel des Jahresbudgets auf. (Fünfzig Prozent fließen aus dem Bildungsministerium, die restlichen fünfundzwanzig Prozent muss die Bibliothek selbst erwirtschaften.) Yitzhak Hen hat hier sein Gelehrtenleben begonnen. Die Nationalbibliothek wurde 1892 von der Organisation B’nai B’rith („Söhne des Bundes“) zur Förderung von Toleranz und Humanität gegründet und beherbergt heute rund vier Millionen Objekte, darunter fast vierhundert hebräische und christliche Inkunabeln, ferner Handschriften von Newton, Freud, Martin Buber und Kafka. Dann wird Hen deutlich. Nicht nur, dass die meisten Mitglieder der Netanyahu-Regierung noch nie einen Fuß in das Gebäude gesetzt hätten; es fehle auch deshalb an Mitteln, weil zu viel Geld in die neuen Siedlungen fließe. Den emblematischen Ort für die jüdische Kultur verkommen zu lassen sei also eine politische Entscheidung.

          Bildung als Tiefkühlware

          Wir rufen bei der Nationalbibliothek an und fragen, ob die Einrichtung immer noch geschlossen sei. Sie sei nie geschlossen gewesen, informiert NLI-Sprecherin Vered Lion-Yerushalmi, nur „eingefroren“. „Nicht geschlossen?“, fragen wir zurück. „Nein. Eingefroren.“ Und jetzt seien die Beschäftigten wieder da. Auch Bücher würden wieder ausgeliehen. Dann folgt noch ein Hinweis: Der Umstand, dass die Regierung zunächst den weiteren Betrieb ermöglicht habe, sage nichts über das offizielle Budget des laufenden Jahres.

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