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China : Im Griff des Goldes

  • -Aktualisiert am

Der Konsum hat das politische Manifest von 1989 ersetzt: Die Goldstatue von Mao Zedong ist fünfzig Kilo schwer und sechzehn Millionen Dollar wert. Bild: Picture-Alliance

Der schnöde Mammon ist zur Religion des chinesischen Volkes geworden, die Menschen werden von Kapitalismus und Diktatur in die Zange genommen.

          Am Ende des vergangenen Jahrhunderts, als der spätere Friedensnobelpreisträger gerade zum dritten Mal aus der Haft entlassen wurde, ließ der unter strenger Überwachung stehende Liu Xiaobo mir durch Angehörige einen Brief zukommen, in dem es darum ging, wie schnell die Leute das Massaker auf dem Tiananmenplatz 1989 wieder vergessen hatten. „Aus einer fatalen Angst heraus“, so schrieb er, „schweigt die gesamte gesellschaftliche Elite, die damals eine Demokratiebewegung anstieß oder versuchte, sie anzustoßen, heute geschlossen.“

          „Geschichte ist nicht programmierbar“, schrieb er weiter. „Sie ist so zufällig wie das Bauernkind, das vor zweitausend Jahren in einer Krippe geboren wurde und am Kreuz starb. Der Fortschritt der Menschheit hängt von solchen Zufällen ab. Man kann sich nicht auf das kollektive Gewissen verlassen, man braucht das Gewissen einer Persönlichkeit, die die Massen aufzuwühlen vermag. Vor allem ein Volk wie unseres bedarf einer moralischen Größe mit vorbildlicher und unerschöpflicher Kraft zur Inspiration, ein Symbol, das die moralischen Ressourcen der anderen mobilisiert. Es fehlt an einem mutig voranschreitenden Giganten. Daher die Stille und das Vergessen nach Tiananmen.“

          Mit dem Brief zwischen den Fingern stand ich benommen im kühlen Wind meines Heimatorts. Das Internet war damals in China noch nicht weit verbreitet und ein Brief brauchte von Peking bis Chengdu eine Woche. Von Chengdu nach Peking war man im Zug zwei Tage und zwei Nächte unterwegs. Gleichzeitig mit vielen anderen Großstädten Chinas erlebten diese beiden weit von voneinander entfernten Metropolen in der Nacht zum 4. Juni 1989 denselben Aufruhr, dieselben gewalttätigen Repressionen, nur die Todeszahlen unterschieden sich. Beinahe dreitausend Menschen starben in Peking, zehn in Chengdu. Die Angst fuhr uns in die Knochen, als Zehntausende verhaftet wurden, darunter auch Liu Xiaobo und ich selbst.

          Der Grund für Liu Xiaobos jüngste Inhaftierung war die Charta 08, ein politisches Manifest, das versucht, in einen besonnenen Dialog mit den Regierenden zu treten. Liu Xiaobos unbestrittenes Vorbild war Václav Havel und seine Charta 77. Doch die chinesischen Diktatoren sind um einiges brutaler als die tschechoslowakischen es waren - Havel saß viermal im Gefängnis, mit Haftstrafen zwischen einigen Monaten und vier Jahren. Liu Xiaobo wurde zuletzt zu elf Jahren Haft verurteilt und sitzt noch heute hinter Gittern.

          Gefühl der Ohnmacht

          Vor kurzem habe ich den als Regimekritiker bekannten Künstler Ai Weiwei getroffen und mit ihm in der Berliner Philharmonie einen öffentlichen Dialog geführt. Ai Weiwei sagte, das besondere Merkmal einer autoritären Gesellschaft sei, dass sie ein aus der Verzweiflung geborenes Gefühl der Ohnmacht produziere, was bedeute, dass wir nicht die geringste Chance zur Veränderung dieses Staates hätten.

          Damit war ich nicht einverstanden. Sei nicht 1989, als in allen großen Städten Chinas Zehntausende für demokratische Reformen auf die Straße gingen, ein Beispiel für das Gefühl von gemeinsamer Stärke gewesen? Trotz der anrollenden Panzer, der zweihunderttausend Soldaten und der zahlreichen Gemetzelten - wir haben Widerstand geleistet. Und unser Widerstand wurde von den vielen anwesenden Journalisten aus aller Welt aufgezeichnet und verbreitet, man könnte sagen, dass alles, was kurz darauf geschah - der Erfolg der Demokratiebewegungen in Polen und der Tschechoslowakei, das Auseinanderbrechen der Sowjetunion, das Ende des Kalten Kriegs - im Juni 1989 seinen Anfang genommen hat. Nicht wenige Chinesen haben ihr Leben dafür eingesetzt, dieses nie dagewesene Miteinander zu stemmen.

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