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Geist & Gehirn: ein Resümee der Debatte : Es geht nicht um die Lösung von Welträtseln

  • Aktualisiert am

Was da zu sehen sein soll, daran entzündete sich die Debatte. Bild: picture-alliance/ ZB

An der brieflichen Auseinandersetzung zwischen dem Hirnforscher Wolf Singer und dem Philosophen Peter Janich entzündete sich auf den Seiten von FAZ.NET eine rege Debatte. Peter Janich nimmt zu den Beiträgen und Kommentaren Stellung.

          „Die Freiheit des Geistes beweisen“ wirkt auf Viele wie ein ferner Fixpunkt, der sie die Stolpersteine vor den eigenen Füßen übersehen lässt. Bevor man „Schlussfolgerungen aus neurobiologischen Erkenntnissen“ (Wolf Singer) ziehen kann, muss man diese erst einmal haben. Und man hat diese nicht schon durch die Behauptung, man habe sie - zumal diese Behauptung selbst keine über Hirne ist, sondern über die Wissenschaft vom Hirn. Sie ist also eine wissenschaftstheoretische, keine naturwissenschaftliche Behauptung. Wissenschaftstheorie besteht unter anderem darin, die Neurobiologie nach ihren Zielen und Mitteln zu fragen, nach Voraussetzungen, Methoden und Begriffen, denn daran entscheidet sich, was „Erkenntnisse“ sind.

          Es muss wohl für Fachwissenschaftler wie für Laien zum Schwierigsten (und Provozierendsten) gehören: Wo der Neurobiologe vom Hirn redet, spricht der Philosoph vom Neurobiologen, seinen Äußerungen, Handlungen und Ansprüchen. Das sind zwei grundverschiedene Gegenstände, zwei Ebenen, zwei Sprachen, zwei Wissenswelten. Aber dass es zwischen ihnen keine sinnvolle Verbindung geben könnte, ist selbst unbegründet.

          In den rund 200 bis Ende August eingegangenen, äußerst heterogenen Internetbeiträgen, in Leserbriefen und zahlreichen Stellungnahmen, die mich privat erreichten, tauchen ein paar besonders kontraproduktive Simplifizierungen auf:

          (1) Es gehe um einen Konflikt zwischen Natur- gegen Geisteswissenschaften

          Stellungnahme zu einer Debatte: Peter Janich

          Wer den ganzen Rest außerhalb der Natur- (und eventuell Technik-) Wissenschaften als „Geisteswissenschaft“ bezeichnet, wirft Fächer wie Mathematik und Informatik, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften in einen Topf mit text- und handlungsverstehenden Disziplinen (wie Sprach-, Literatur- und Geschichtswissenschaften) - als ob alle diese dieselben Methoden, dieselbe Begriffs- und Theoriebildung, denselben Typ Geltung und Wissenschaftlichkeit, dieselben Selbstverständnisse und Anwendungen hätten! Das hat Folgen für die (meist falsche) Einordnung der Neurowissenschaften.

          (2) Es gehe um einen Konflikt zwischen Philosophie und Naturwissenschaften

          Philosophische Kritik (im Sinne des Wortes ein Unterscheiden und Beurteilen) muss selbstverständlich gegenüber allen Wissenschaften dieselbe kritische Distanz wahren, also auch die „Geisteswissenschaften“ (in welchem Sinne auch immer) prüfen, ob sie denn ihren Teil beitragen können zum Thema, welches das Publikum an der Hirnforschung so brennend interessiert; ob sie etwa (für die Hirnforschung brauchbare) Bestimmungen von Wille, Bewusstsein, Erkenntnisfähigkeit und anderen anzubieten haben, damit für Erklärungsansprüche von Hirnforschern nicht nur bildungsbürgerliches Geschwafel, sondern wissenschaftsfähige Unterscheidungen verfügbar sind. Internetbeiträge, die ihren Schwall von Meinungen über „die Geisteswissenschaftler“ über mich ausgießen, übersehen, dass ein Wissenschaftsphilosoph zwischen den Stühlen der Fächerkulturen sitzt, und irren in meinem Fall, was die unterstellte Ferne zu Experimentalwissenschaften und Technik angeht.

          (3) Die Thesen der Hirnforschung

          Das simple Natur/Geisteswissenschafts-Modell hat katastrophale Folgen für die Einschätzung der Hirnforschung: Es unterstellt, dass Aussagen von Hirnforschern prinzipiell und generell naturwissenschaftlich sind. Wer Vorsicht vor Pauschalurteilen gelernt hat, kommt aus dem Staunen nicht heraus, wie sicher hier mancher die Rede von „den Geisteswissenschaftlern“ führt und „die Naturwissenschaft“ in Anspruch nimmt. Auch W. Singer scheut nicht die Formel von „den Philosophen“, obwohl doch Vertreter einer Analytischen Philosophie des Geistes ganz Anderes behandeln als Wissenschaftstheoretiker, und diese wieder mindestens in Naturalisten und Antinaturalisten, oder in Wissenschaftsbestätiger und Wissenschaftskritiker zerfallen und ein geradezu gegenläufiges Verständnis der Hirnforschung entwickeln.

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