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Verhafteter Pastor Wang Yi : Im Gehirnwäschekrieg

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„In einer politisierten Gesellschaft wird schon das Festhalten an der Freiheit des Gewissens als politische Handlung gesehen“: Jedes Jahr erinnerte Wang Yi am 4. Juni an die Opfer des Tiananmen-Massakers von 1989. Bild: Facebook/prayforearlyrain/Screenshot F.A.Z.

Der chinesische Staat führe einen Krieg gegen die Seele, hatte er in seiner letzten Predigt gesagt. Sechs Wochen später wurde er verschleppt. Ein Plädoyer für die Freilassung von Pastor Wang Yi und seiner Frau.

          Am 9. Dezember 2018 wurde in Chengdu, der Hauptstadt meiner Heimatprovinz Sichuan, bei einer nächtlichen Razzia der wohl einflussreichste Hauskirchenpriester in China, Pastor Wang Yi, mit seiner Frau Jiang Rong und mehr als hundert Gläubigen von der Polizei verschleppt. Wang und seine Frau sollen „Anstiftung zum Umsturz“ begangen haben und werden an einem geheimen Ort festgehalten. Ihr Sohn Shuya wird von den Großeltern betreut. Wang Yis Vater hatte einige Tage zuvor aus Sorge um seinen Sohn einen Anwalt für ihn engagiert. Aber die chinesische Polizei überwachte das Treffen und ergriff den Anwalt. Er wurde sechs Stunden lang verhört, seine Akten wurden beschlagnahmt. Dann entzog man ihm das Recht, Wang zu vertreten.

          Wang Yi und ich kennen einander seit bald zwanzig Jahren. Wir sind beide Dissidenten, Dichter und Schriftsteller und waren im Vorstand des Unabhängigen Chinesischen PEN-Clubs. Wir haben zusammen vier verbotene Bücher im Untergrund publiziert. Er war sogar mein Rechtsanwalt, nachdem ich sechzehn Mal ins Ausland eingeladen worden war, aber jedes Mal nicht ausreisen durfte. 2005 ließen sich Jiang Rong und Wang Yi taufen. Ein halbes Jahr später wurden sie zusammen mit Yu Jie, Li Biguang und anderen Christen aus China vom amerikanischen Präsident George W. Bush im Weißen Haus empfangen. Nach dem verheerenden Erdbeben in Sichuan von 2008 gründeten Wang und seine Frau in ihrer Wohnung die Hauskirche „Segen des Herbstregens“. Danach wurden sie immer wieder von der Polizei belästigt und mehr als zwanzig Mal verhört.

          Tapfer wie Dietrich Bonhoeffer unter den Nazis

          Später wurde Wang Yi Pastor der Herbstregen-Verbandskirche und vielleicht der umstrittenste von Millionen Untergrundpriestern. Jedes Jahr am 4. Juni hielt er einen Gedenkgottesdienst für die Opfer des Tiananmen-Massakers von 1989 ab. Dazu erklärte er: „Viele Leute fragen mich, warum ich wegen 1989 bete, das sei doch eine politische Sache. Ich sage: Ich sehe da keine Politik, ich sehe getötete Menschen. Das ist Unrecht, das sind unterdrückte, leidende Menschen. In einer politisierten Gesellschaft wird schon das Festhalten an der Freiheit des Gewissens als politische Handlung gesehen.“ In seiner letzten Predigt sagte Wang am 28. Oktober 2018: „Dieser Staat führt gerade einen Krieg gegen die Seele. Dieser Krieg steht zwar nicht im Vordergrund, aber es ist der wichtigste Kampf, den es gibt. In Xinjiang, in Tibet, in Schanghai, Peking und in Chengdu haben die Herrschenden diesen Krieg begonnen. Aber sie haben sich einen Feind geschaffen, der niemals verhaftet und festgehalten, niemals vernichtet, niemals zum Gehorsam gezwungen werden kann, nämlich die Seele, die Seelen der Menschen. Deshalb müssen und werden sie diesen Krieg verlieren.“

          Liao Yiwu

          In diesem Gehirnwäschekrieg, der an Diktatoren wie Hitler, Stalin und Mao erinnert, sind die Gottesdiener Wang Yi und Jiang Rong zu Gefangenen des Staates geworden, so wie der spätere Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo vor zehn Jahren wegen der „Charta 08“. Wang Yi sagte: „Wenn du dem Herrn im Himmel gehorchst, kannst du dem Diktator auf Erden nicht folgen.“ Er ist wie ein Hühnerei, das von einem Felsen überrollt wird, aber in dieser finsteren Zeit, die in China anbricht, ist er so tapfer wie Dietrich Bonhoeffer unter den Nazis. Am 11.September rief er im Predigtseminar: „Wir haben die Pflicht, Xi Jinping zu sagen, dass er ein Sünder ist. Seine Regierung hat Gott beleidigt, weil sie Kirchen verfolgen, die Jesus Christus dienen. Wenn er nicht bereut, kann er nicht gerettet werden.“

          Vierzig Jahre Blühen und Gedeihen

          In seiner Predigt am 21. September 2018 vor mehr als fünfhundert Gläubigen sagte Wang: „Bei der Verfolgung von Hauskirchen in Hunan wurden nicht nur Kreuze abgerissen und Kirchen geplündert oder zerstört, es wurden sogar Bibeln und Liederbücher verbrannt. In der Geschichte Chinas seit dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ist das nun die vierte Bibelverbrennung. Im Jahr 1900 haben die Boxer Bibeln verbrannt und ausländische Missionare getötet, aber der Herr hat gerade zu dieser Zeit schon für einheimische Verbreiter der Frohen Botschaft gesorgt. Das zweite Mal war die antichristliche Kampagne von 1922 bis 1927, die damalige Regierung hat sehr viele Bibeln verbrannt, aber gleich darauf, von 1927 bis 1937, erlebte China eine Renaissance der christlichen Kirche.

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