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Verhafteter Pastor Wang Yi : Im Gehirnwäschekrieg

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In der Kulturrevolution von 1966 bis 1976 haben die Herrschenden zum dritten Mal Bibeln verbrannt und Kirchen zerstört, aber seit dem Ende dieser Periode bis heute ließ unser Herr seine Kirche abermals vierzig Jahre lang blühen und gedeihen. Vor ein paar Tagen hat mich jemand gefragt: ,Herr Pastor Wang, machen Sie sich Sorgen, dass Sie im Gefängnis sitzen werden?‘ Ich habe keine Sorgen meinetwegen, ich denke vor allem an eine Sache: Hat uns der Herr die Zerstörung und Religionsverfolgung in China von 2018 geschickt, damit gerade jetzt neue Verbreiter Seiner Botschaft aufstehen? Wie viele werden es diesmal sein? Und sind vielleicht Menschen von hier, aus unserer Gemeinde darunter?“

Ein Aufnahmegerät mit Tränen im Gesicht

Im Vorfrühling von 2011, kurz vor meiner Flucht aus China über die Grenze nach Vietnam, schickte Wang Yi eine E-Mail an seine Freunde, in der er sein künftiges Schicksal voraussagte. „Ins Gefängnis gehen ist wie nach Afrika gehen. Gott hat mir drei besondere Dinge gewährt: Ich kann jederzeit übersiedeln, jederzeit ins Gefängnis und jederzeit in Seine Gnade zurückkehren.“ Acht Jahre später sitzt er nun im Gefängnis, und ein gemeinsamer Freund hat mir aus der fernen Heimat Wang Yis Untergrundgedichte geschickt. Früher habe ich absichtlich nichts von ihm gelesen. Ich bin nicht religiös ich bin kein Christ, obwohl ich das Buch „Gott ist rot“ geschrieben habe und Wang Yi es ein Buch zur Ehre Gottes genannt und verbotene Kopien davon in China verbreitet hat. Aber ich halte mich unbewusst fern von Missionieren und Gotteslob. Ich schreibe nur auf, ich bin ein Aufnahmegerät dieser Zeit.

Aber dieses Aufnahmegerät hat manchmal Tränen im Gesicht, so wie jetzt gerade, weil ich Wangs Gedichte lese und an seinen Worten „Ins Gefängnis gehen ist wie nach Afrika gehen“ kaue – es ist wirklich sehr weit! So verdammt weit! Wird er zurückkommen? Werde ich ihn in diesem Leben noch einmal sehen?

Vollgestopft mit politischen Gefangenen

Liu Xiaobo und Yang Tianshui sind in Gefangenschaft gestorben. Sie waren beide gerade über sechzig, beide Schriftsteller, die für gewaltlose Veränderung eintraten. Man konnte hoffen, dass sie wieder freikämen, aber dann kam während ihrer Haftzeit die tödliche Krankheitsdiagnose. Wang Yi hat chronische Gicht, da kann Stehen allein schon unerträglich werden. Die Polizisten, die ihn „nach Afrika“ bringen, lassen sie ihn Schmerzmittel mitnehmen? Und beim nächsten Überraschungsverhör, wenn seine Krankheit ausbricht, werden sie ihn ins Krankenhaus bringen, wenn er sich in Schmerzen windet? Solschenizyn hat für die über die Sowjetunion verteilten Arbeits- und Umerziehungslager den Begriff „Archipel GULag“ geprägt. Er hat beschrieben, wie weit entfernt der Archipel GULag für jeden liegt, der noch nicht hineingeraten ist, so weit entfernt wie die Sterne. Bis es dich eines Tages trifft. Wann du zurückkommst, ob du zurückkommst, kann niemand sagen.

Als ich die Heimat dieses Albtraums verließ, ist Wang Yi trotz seiner Krankheit weiter vorwärtsgegangen auf seinem Weg, bis zur Verhaftung. Ich fürchte, er kommt nicht zurück. Ihr wisst es: Dieses Land, diese Städte – Ürümqi, Lhasa, Chengdu oder auch Peking – sind in Wirklichkeit vollgestopft mit politischen Gefangenen, obwohl all die Leute, die es noch nicht getroffen hat, so weit von ihnen entfernt zu sein scheinen wie von den Sternen. Oder mindestens von Afrika.

Eine Übereinkunft, für die sie sich schämen sollten

Ich schreibe diesen Text für den Dichter, für den Schriftsteller, für den Pastor Wang Yi. Ich appelliere an alle Politiker im Westen, an alle Dichter, Schriftsteller und China-Experten, an alle, die sich mit Menschenrechten beschäftigen, und an alle einfachen Bürger, Widerstand auszuüben gegen die Gehirnwäsche und den Krieg, der die Seele angreift. Ich appelliere an Bundeskanzlerin Merkel und Außenminister Maas: Nutzen Sie Ihren Einfluss, drängen Sie Xi Jinping und die chinesische Regierung zur Freilassung von Wang Yi und Jiang Rong. Ich appelliere auch an die amerikanische Regierung, an Präsident Trump, gerade in dieser Zeit des Handelskriegs: Retten Sie Pastor Wang und seine Frau, Sie haben Ihre Hand auf eine Bibel gelegt bei Ihrem Amtseid, und genau solche Bibeln werden jetzt verbrannt, ihre Verbreiter wie Wang Yi werden verfolgt und eingekerkert.

Natürlich appelliere ich auch an den Papst und den Vatikan, die gerade erst eine Übereinkunft mit der chinesischen Regierung unterzeichnet haben, für die sie sich schämen sollten. Ich hoffe, dass sie bereuen und öffentlich die Freilassung der Kinder Gottes fordern.

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