https://www.faz.net/-gqz-wf2i

Gehirntraining : Eine Hoffnung für Schlaganfallpatienten

  • -Aktualisiert am

Die Tatsache, dass dies bei fast allen Patienten nach nur zwanzig einstündigen Sitzungen möglich war und im Laufe dieser Zeit die Leistung von zufällig bis auf siebzig bis achtzig Prozent korrekt anstieg, zeigt, dass auch ältere Menschen nach zum Teil sehr großen Zerstörungen der Hirnsubstanz in der Lage sind, komplexe Aufgaben mit Neurofeedback zu lernen. Die Plastizität des Nervensystems bleibt im Allgemeinen auch im hohen Alter erhalten, und nur neurodegenerative Erkrankungen wie die Alzheimersche Erkrankung können diese erstaunliche plastische Lernfähigkeit unseres Gehirns beeinträchtigen.

Epileptiker können ihre Hirnströme beeinflussen und einen Anfall unterdrücken

Das Prinzip, welches dem Brain-Computer-Interface für Schlaganfallpatienten zugrunde liegt, ist bereits in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts von Lernpsychologen und Neurowissenschaftlern entwickelt worden und wird meist als Biofeedback- oder Neurofeedback-Therapie bezeichnet. Das Prinzip beruht auf den bekannten Lernmechanismen des Belohnungslernens, das bei Brain-Computer-Interfaces nun nicht auf das Verhalten des Menschen angewandt wird, sondern ausschließlich auf seine Hirnaktivität. Genauso wie wir lernen, Verhaltensweisen zu wiederholen und Orte aufzusuchen, an denen wir Positives erlebt haben oder erwarten, genauso können wir lernen, die Aktivitäten unseres eigenen Gehirns, seien sie nun elektrisch, magnetisch, chemisch oder metabolisch, unter willentliche Kontrolle zu bringen - wenn diese Aktivitäten auch systematisch belohnt werden.

Auf diese Weise war es zum Beispiel möglich, medikamentös nicht behandelbaren Epileptikern beizubringen, bereits vor Auftreten eines epileptischen Anfalls die Hirnströme, welche die Anfälle auslösen, so zu beeinflussen und ihre Erregbarkeit so weit zu reduzieren, dass sie die Anfälle unterdrücken konnten. Damit ein epileptisches Gehirn allerdings die Selbstkontrolle der Anfälle erlernen kann, vergehen sehr viel mehr als die zwanzig Stunden Training wie bei Schlaganfallpatienten.

Primatenforschung: Systematische Belohnung für Erregungssalven der Nervenzellen

Bereits 1969 konnte der Deutschamerikaner Eberhard Fetz vom Primatenzentrum der University of Washington in Seattle zeigen, dass Affen lernen können, permanent das Entladungsverhalten einzelner Hirnzellen zu kontrollieren. Systematische Belohnung für bestimmte Erregungssalven der Nervenzellen führen zu dieser überraschend speziellen Leistung von Selbstkontrolle. Sie lief zweifellos ohne bewusste Steuer- und Denkprozesse ab.

30 Jahre später erschien in der Zeitschrift „Nature“ eine Arbeit unserer Gruppe, in der wir erstmals nachweisen konnten, dass vollkommen gelähmte, zur Kommunikation selbst mit den Augen unfähige, geistig aber wache Patienten mit Amyotropher Lateralsklerose - ALS - im Zustand des „Eingeschlossen-Seins“ lernen können, mit einzelnen elektrischen Hirnwellen anhand des Elektroenzephalogramms Buchstaben in einen Computermenu auszuwählen und damit Worte zusammenzusetzen. Auch hier ging eine längere Lern- und Trainingsphase voraus, während deren die Patienten über Biofeedback willentliche Kontrolle über ihre Hirnwellen erlernten.

Die herrschende Ideologie der Medizin verbietet das Hirntraining geradezu

Trotz dieser eindrucksvollen experimentellen Belege für die Wirkung der Belohnungsvorgänge erlangten die Selbst-Regulationsfertigkeiten des Gehirns von Mensch und höheren Säugern und der heilenden Kraft dieser Fertigkeit keine breite Anwendung. Und obwohl die potentiellen Zielgruppen von geradezu epidemisch auftretenden Krankheiten wie Aufmerksamkeitsstörungen, Epilepsien, Lähmungen aller Art, beginnender Alzheimerscher Erkrankung betroffen sind, ist die Akzeptanz der Verfahren bisher vernachlässigbar. Die Kassen weigern sich, Biofeedback und Neurofeedbacktherapien zu bezahlen, finanzieren aber die pharmakologische Vergiftung unserer Kinder mit Aufmerksamkeitsproblemen durch stimulierende Drogen wie Ritalin; sie bezahlen wenig wirksame, teure operative Eingriffe bei Epilepsien, bei denen Nervenstimulatoren in der Umgebung der Halsschlagader operativ eingepflanzt werden, und alle Arten von physikalischen und homöopatischen Verfahren, die über keinerlei Nachweis ihrer Wirksamkeit verfügen. Die völlig nebenwirkungsfreie Neurofeedbackbehandlung aber wird nicht ersetzt.

Weitere Themen

Sadismus unter Palmen

Albert Londres in Afrika : Sadismus unter Palmen

Der Schlaf der Gerechtigkeit gebiert Kolonien: Der legendäre französische Reporter Albert Londres blickte in Afrika ins Herz der Finsternis – und stieß auf ein System der staatlich geförderten Sklaverei.

Topmeldungen

Nicht nur am Mainufer, sondern auch an der Frankfurter Börse herrscht frühlingshafter Optimismus.

Steigende Kurse trotz Krise : Das Börsenvirus

Die Wirtschaft liegt noch am Boden, doch die Kurse an der Börse steigen und steigen. Kann die Wette auf die bessere Zukunft aufgehen?

Unruhen in Minneapolis : Am „Ground Zero“ der Proteste

Der Tod eines Afroamerikaners entfacht schwere Ausschreitungen in ganz Amerika. Auch viele Weiße klagen über den Rassismus der Polizei. In Minneapolis rücken im Morgengrauen Soldaten ein.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.