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Gehirn-Dossier : E-Turbo fürs Gehirn

Einzelne Nervenzellen mit ihren zahlreichen Verästelungen wurden durch Anfärben im Labor sichtbar gemacht: An solchen Zellkulturen läßt sich die Signalübertragung im Reagenzglas testen Bild: Nature

Mehr Kreativität, optimale Einsicht, besseres Gedächtnis – das soll möglich werden, wenn die Hirnforschung realisiert, was sie an Kranken testet: Gehirn-Doping durch elektrische Stimulation. Haben die Neuro-Ingenieure keine Skrupel?

          Man erwartete kein Wunder, und der Raum sah auch nicht nach einem Wunder aus, trotzdem erhoffte man sich eines, es ging schließlich um Hirn-Doping. Man hoffte also auf irgendetwas, das einen schneller denken lässt, klüger macht, effektiver. Etwas, das das eigene Gedächtnis in eine Festplatte verwandelt. Was wäre das für ein großartiges Leben?

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Raum lag im zweiten Stock der Göttinger Universitätsklinik, die wie ein gigantischer Klotz in der Landschaft steht, drum herum viel Grün. Er maß kaum zwanzig Quadratmeter, in seiner Mitte stand eine wenig Vertrauen einflößende Liege, es gab ein paar Stühle, und alles in allem hatte dieser Ort mehr mit einer Abstellkammer als mit einem Versuchslabor zu tun. Die Fototapete zeigte einen südseehaften Palmenstrand. Auf einem Rollwagen, mit dem sonst in Seniorenheimen Tee umhergeschoben wird, stand ein kleiner Apparat. Er erinnerte an ein altes Radio, er sah nach Vergangenheit, nicht nach Zukunft aus, obwohl er für etwas da war, das man transkranielle Gleichstromstimulation nennt. Der sanfte Strom, den das Gerät produziert, stimuliert bestimmte Hirnareale. Eine freundliche taiwanische Doktorandin forderte einen auf, es sich auf der Liege bequem zu machen.

          Den Schädel unter Strom setzen

          Sie befeuchtete kleine Schwämme mit einer Elektrodenpaste, plazierte sie auf dem Kopf und umwickelte das Ganze mit einem Gummiband. Vor ein paar Jahren, sagte sie, verwendeten sie noch eine weiße Creme, dummerweise sahen die Versuchspersonen nach der Gleichstromstimulation immer aus, als hätten sie Schuppen. Sie lachte. Dann schaltete sie das Gerät ein.

          Michael Nitsche, Oberarzt und Leiter des Labors, sitzt nur ein paar Räume weiter, in einem hellen Zimmer mit weitem Blick. An der Wand hängt eine Urkunde aus Jugendjahren, als er bei einem Tischtennisturnier Dritter wurde. Was die Gleichstromstimulation betrifft, ist er im internationalen Wettbewerb der Ideen und Innovationen deutlich weiter vorne mit dabei. Er ist einer der modernen Pioniere dieser Technik. Den Schädel unter Strom zu setzen, das hat für Nitsche vor allem einen Zweck: Erkenntnisgewinn. Dieses Ziel teilt er mit den Italienern Luigi Galvani und Alessandro Volta, die gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts die Elektrizitätslehre auf ein wissenschaftliches Fundament stellten. Die beiden hatten unter anderem mit Experimenten an Fröschen nach dem „Spiritus animus“, der Grundlage der Informationsübertragung in den Nervenvsystemen, gesucht. Sie spekulierten über die „Tierelektrizität“, die sie in elektrisch geladenen Flüssigkeiten wähnten. Wenn sie bei einem toten Frosch Strom anlegten, bewegten sich dessen Beine. Besonders Galvani hatte sich dabei an die wirkungsvollen Versuche der Griechen erinnert, depressive Menschen, die man damals „stark melancholisch“ nannte, durch Auflegen von Zitterrochen auf den Schädel zu behandeln.

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