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Institut für Musikforschung : Musik fürs Museum?

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Zählt nur noch die Sammlung? Geige mit Geigenkopf von Kaiser Wilhelm II. aus dem Musikinstrumenten-Museum in Berlin Bild: Picture-Alliance

Aus dem Staatlichen Institut für Musikforschung sollen das Instrumentenmuseum in die Staatlichen Museen integriert, der Rest abgewickelt werden. Es wäre ein Fehler, dieser Empfehlung des Wissenschaftsrates zu folgen.

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          Musik versteht beinahe jeder, Musikforschung nicht. Nicht nur dass Musikforscher sich stets fragen lassen müssen, welches Instrument sie spielen, während Kunst- oder Literaturforscher wohl eher selten nach ihren persönlichen Praktiken in Aquarell, Öl, Lyrik oder Prosa gefragt werden. Musik ist begriffslos und damit allen anderen Künsten ebenso über- wie unterlegen. Wie kann man sie überhaupt beschreiben? Und wozu sollte man das heute noch tun?

          Der Wissenschaftsrat stellt in seinen Strukturempfehlungen zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz vom Juli 2020 das Staatliche Institut für Musikforschung in Frage. Das Gefüge der Stiftung soll in neue Struktureinheiten überführt, der unbewegliche Tanker in eine moderne Flotte verwandelt werden (F.A.Z. vom 14. Juli). Aus dem Staatlichen Institut für Musikforschung sollen die verwertbaren Teile – das Instrumentenmuseum – ausgebaut und in die Staatlichen Museen integriert, der Rest abgewrackt werden.

          Musikforscher aus aller Welt haben sich nun in einem offenen Brief vom 16. September an die Kulturstaatsministerin Monika Grütters gewandt, um dagegen zu protestieren. Der Direktor des Instituts für Musikforschung, Thomas Ertelt, hat eine Stellungnahme auf dessen Website veröffentlicht. Der Protest richtet sich dabei weniger gegen die Idee, die Preußenstiftung und ihre Institute neu zu denken. Daran möchte man produktiv teilhaben. Immerhin gehört auch das Staatliche Institut für Musikforschung zu jenen fünf Einrichtungen, die zwar dem Präsidium der Stiftung direkt zugeordnet sind, doch aus dieser Nähe aufgrund überdimensionierter, schwergängiger Verwaltungs- und Gremienstrukturen kaum einen Vorteil ziehen. Verwaltungswege sind labyrinthisch, Stellenbesetzungen ziehen sich zu lange hin, Etathoheiten sind diffus: alles Probleme, die das Gutachten des Wissenschaftsrates, das im Internet frei zugänglich ist, konzise benennt und ändern möchte. Der vehemente Protest der Musikforscher betrifft anderes: Was das Staatliche Institut für Musikforschung überhaupt macht, wird im Gutachten nicht deutlich.

          Leuchtturm in der Musiklandschaft

          Im Gegensatz zu allen anderen Instituten sind die Leistungen, Aufgaben und Wirkungen seiner etwa vierzig Mitarbeiter der letzten knapp sechzig Jahre kaum erklärt, vieles fehlt oder ist nur unvollständig beschrieben. Dies betrifft Publikationen ebenso wie digitale Projekte, internationale Kooperationen ebenso wie universitäre Netzwerke, Public-Science-Aktivitäten wie auch aktuelle Intonations- oder Wahrnehmungsforschungen. Und selbst wenn nicht zu leugnen ist, dass die Außenwirkung des Institutes über Berlin hinaus noch größer sein könnte und strukturell wie strategisch Entwicklungspotential besteht – der fatale Schluss für unvoreingenommene Leser dieses Gutachtens ist klar: Brauchbar ist allein die hübsche Musikinstrumentensammlung, die nun in die Staatlichen Museen eingegliedert werden soll. Ein Forschungsinstitut mit Museum soll zu einem Museum mit Forschung werden: Musikforschung als nachgeordnetes Phänomen, nicht mehr als Kernaufgabe. Und maximal reduzierte Wissenschaft obendrein, denn sie soll sich künftig, wie in Museen üblich, nurmehr auf die eigenen Bestände konzentrieren. Abgewickelt würde damit in aller Konsequenz das größte außeruniversitäre Forschungsinstitut für Musik in Deutschland.

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