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Gefahr durch Islamisten (8) : Erdogan im Visier der Dschihadisten

Nach dem Anschlag auf die Istanbuler Neve-Shalom-Synagoge im November 2003 Bild: AP

In der Türkei ist der große Terror jener kurdischer Separatisten. Zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. Über die Dschihadisten spricht man nicht gern. Auch wenn ihr kleiner Terror der gefährlichere ist. Rainer Hermann aus Istanbul.

          Der große Terror, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung, ist jener der kurdischen Separatisten, der kleine, wenn auch über den Tag hinaus gefährlichere, ist aber jener der türkischen Dschihadisten. Unablässig spricht die ganze Türkei über den ersten, den zweiten verhüllt vornehm ein Mantel des Schweigens. Auch die Polizei spricht nicht gerne darüber, sie beobachtet aber scharf. Beispielsweise jene, die Visa nach Pakistan beantragen, um von dort über die Grenze nach Afghanistan zu schlüpfen. Irgendwann schlagen die Polizisten in Zivil zu. Zum Beispiel am Morgen des 30. Mai, als sie in vier Stadtteilen gleichzeitig acht Verdächtige verhafteten, von denen sie mit gutem Grund glaubten, dass sie sich in afghanischen Lagern ausbilden lassen wollten. Nur kurz zuvor hatte der Führer von Al Qaida in Afghanistan, Mustafa Abu Yazid, der Türkei mit Terroranschlägen gedroht.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Größer war die Razzia vom Januar. Einheiten der Anti-Terror-Polizei nahmen am 29. Januar in fünf Provinzen achtundvierzig Verdächtige fest. Die Aktion deckte auf, dass Zellen überall bestehen. In Istanbul und in der benachbarten Provinz Kocaeli, im westtürkischen Izmir, im zentralanatolischen Konya sowie in Mardin im kurdischen Südosten der Türkei. Von den Verhafteten blieben sechsunddreißig in Gewahrsam, unter ihnen sollen sich zwei Drahtzieher befinden. Eine „sensationelle Aktion“ habe man mit diesem Schlag verhindert, sagte die Polizei zunächst kryptisch, ließ die Katze dann aber aus dem Sack: Ministerpräsident Erdogan sollte ermordet werden. Denn die Polizei hatte entdeckt, dass einige der Verdächtigen den Funkverkehr von Erdogans Leibwächter abgehört hatten und nach einer Lücke im dichten Sicherheitsnetz um den Regierungschef suchten.

          Auch im Visier der islamistischen Stadtguerrilla

          Auftakt zur Verhaftungswelle vom Januar war die Festnahme eines erst fünfundzwanzigjährigen Anwalts. Die Überraschung war groß. Denn der Verdächtige sieht so unauffällig aus wie viele andere Anwälte, er praktizierte in Izmir, einer der weltoffensten Städte der Türkei, gestanden hat er aber, „Türkei-Kommandant von Al Qaida“ zu sein. In seinem Haus, behauptete zumindest die türkische Presse, habe er an einer „CD-Bombe“ gebastelt, die, legt man sie in ein Laufwerk ein, möglichst großen Schaden anrichten sollte. Er verkehrte, und damit fiel er auf, mit einem Mitglied der alten islamistischen Stadtguerrilla IBDA-C. Sie hatte um das Jahr 2000 spektakuläre Anschläge während der Millenniumsnacht geplant und auf Istanbuler Vergnügungszentren. Ihr Anschlag auf den jüdischen Unternehmer Jak Kamhi konnte im letzten Augenblick vereitelt werden.

          Auch die IBDA-C hatte Erdogan im Visier. Im April 2004 hatte die Polizei wieder einmal eine Istanbuler Zelle von IBDA-C ausgehoben, die sich ausgeschrieben „Front der Kämpfer für einen Großen Islamischen Osten“ nennt und deren Führer Salih Mirzabeyoglu seit 2000 eine lebenslange Haftstrafe abbüßt. IBDA-C ist zwar gefährlich, aber überschaubar. Denn die kompliziert geschriebenen Traktate von Mirzabeyoglu versteht kaum einer. Bei der Razzia vom April 2004 fand die Polizei aber eine leicht deutbare Todesliste. Auf ihr stand der Name Erdogan. Als muslimischer Demokrat ist er den Dschihadisten mehr als andere ein Dorn im Auge. Neben ihm standen die Namen des bekannten jüdischen Unternehmers Ishak Alaton und des Popsängers Celik Erisci. Vieles spricht dafür, dass die Zellen von Al Qaida und IBDA-C miteinander kommunizieren und bei Bedarf Schläfer mobilisieren.

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