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Gefahr durch Islamisten (1) : Spanien fürchtet Terroristen aus Nordafrika

Die Bombenanschläge von Madrid am 11. März 2004 erschütterten Spanien Bild: AP

In einer neuen Serie untersuchen die Kulturkorrespondenten der F.A.Z., wie ihre Länder die Bedrohung durch den Fundamentalismus einschätzen. Zum Auftakt: Paul Ingendaay aus Spanien. Das Land steht im Fadenkreuz des Djihad.

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          „Al Qaida hat Spanien als einen seiner Hauptstützpunkte in Europa genutzt. Es ist wahrscheinlich, dass Spaniens Bevölkerung und seine Regierung zur Zielscheibe des globalen Terrorismus werden.“ Diese Sätze schrieb der spanische Politologe Fernando Reinares in seinem Buch „Terrorismus global“, das ein Jahr vor den Madrider Anschlägen des 11. März 2004 erschien und nachträglich eine düstere Aktualität erhalten hat. Noch heute fällt es schwer zu glauben, wie ahnungslos und konfus die Regierung von Ministerpräsident José María Aznar seinerzeit auf die manifeste Bedrohung des radikalen Islamismus reagierte.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Angesichts zerfetzter Züge und vieler Todesopfer, deren Zahl am Ende 191 betrug, schien das Denken gelähmt und jedes Geheimdienstwissen unzugänglich. Verdachtsmomente, die das Ausland längst hegte, wurden verscheucht wie lästige Fliegen, und der damalige Innenminister Acebes leugnete eine stündlich schrecklicher werdende Evidenz mit geradezu kindlicher Verbohrtheit. Hat man aus den Fehlern gelernt, sich auf den neuen Feind eingestellt und die Wachsamkeit erhöht? Zweifellos. Steht Spanien drei Jahre später besser da? Nein.

          Die Rede ist von einer personellen Verzehnfachung

          Mit der unschönen Aussicht, dass die Gefahr sich erhöht, was immer man auch tut, wird Spanien leben müssen. Im Herbst 2006 zog Fernando Reinares, der zwei Jahre lang als Berater des Innenministeriums gearbeitet hat, eine Zwischenbilanz. Vieles sei seit den Madrider Anschlägen besser geworden, schrieb er in einem Bericht. Die Regierung habe ein staatliches Koordinationszentrum zur Terrorismusbekämpfung eingerichtet, mit dem frühere Ermittlungspannen vermieden werden sollten. Polizei, Guardia Civil und Geheimdienst arbeiteten nun zusammen und hätten Zugang zu denselben Quellen. Es gebe viel mehr Geld und viel mehr Leute - die Rede ist von einer personellen Verzehnfachung. Ob das allerdings reicht, sagte Reinares nicht. Denn tatsächlich sind die Erkenntnisse, die der Terrorismusforscher in den letzten Jahren gewonnen hat, alles andere als ermutigend.

          Die neue Qualität der Bedrohung lässt sich präzise benennen. Seit dem September des Jahres 2006 gibt es erstmals eine erklärte Zusammenarbeit zwischen dem nordafrikanischen Terrorismus und Al Qaida. Besonders die „Salafistische Gruppe für Predigt und Kampf“ (GSPC) aus Algerien und die „Marrokanisch-Islamische Kampfgruppe“ (GICM) machen in ihren Heimatländern durch blutige Attentate von sich reden. Gehörte die Rückgewinnung von Al-Andalus, dem arabisch bevölkerten Gebiet auf der Iberischen Halbinsel vor der Reconquista, schon seit den neunziger Jahren zu den Forderungen des Dschihad, hat sich die Rhetorik durch den geographisch nähergerückten Terrorismus konkretisiert. Ayman al Zawahiri, der Stellvertreter von Usama Bin Ladin, spricht in seinen Botschaften an die Gotteskrieger immer wieder vom neuen panislamischen Kalifat Al-Andalus. Nach Informationen des spanischen Geheimdienstes unterhalten die Gruppen aus dem Maghreb Trainingslager in Mali und betreiben in Europa intensive Anwerbungskampagnen.

          „Die Hauptstützpunkte: Madrid, Katalonien, die Mittelmeerküste

          Für Experten steht außer Frage, dass die Bedrohung wächst. Schrieb der Terrorismusforscher Reinares vor einem knappen Jahr, es sei bereits ein Erfolg, dass nach dem 11. März 2004 kein weiteres Attentat auf spanischem Boden mehr stattgefunden habe, sandte er am 10. März dieses Jahres eine neue Nachricht. In einem Bericht für das „Real Instituto Elcano“, einer Einrichtung für strategische Studien, erklärte Reinares, Spanien sei heute viel mehr im Fadenkreuz von Al Qaida als vor den Madrider Anschlägen und werde dort wohl auch „dauerhaft“ bleiben.

          „Spanien und Frankreich sind eindeutig die Hauptziele“, ergänzt José María Irujo, Reporter der Tageszeitung „El País“, im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Irujo hat ein vielgelesenes Buch über Spaniens Unterwanderung durch den Dschihad und das Versagen der spanischen Ermittlungsbehörden geschrieben. Seit dem Jahr 2000 befasst er sich fast ausschließlich mit Al Qaida und seinen Untergruppen. „Es gibt mehrere beunruhigende Entwicklungen“, erläutert der Journalist, „Phänomene, die wir vorher nicht kannten. Erstens die Allianz zwischen Nordafrika und Al Qaida. Zweitens, dass der Irak zur Pilger- und Trainingsstätte des islamistischen Terrorismus geworden ist - was vorher Afghanistan war. Und drittens, seit dem Anschlag vom 11. April 2007 in Algier, das Aufkommen von Selbstmordattentätern im Maghreb. Ein wirkliches Novum. Das Datum war natürlich eine Hommage an den 11. September von New York und den 11. März von Madrid.“

          Was das Gefahrenbewusstsein der Bevölkerung betrifft, sieht Irujo mehrere Handicaps. Die stärkste Oppositionspartei des Landes betreibe nach wie vor mit dem Eta-Terrorismus Wahlkampf, ebenjenem Thema, das die Konservativen 2004 die Regierungsmacht kostete. Entsprechend gering sei die öffentliche Resonanz auf Warnungen vor dem Dschihad. „Die Leute glauben immer noch nicht, dass Al Qaida es ernst meint“, sagt Irujo. „Madrid, Katalonien, die Mittelmeerküste, das sind die Hauptstützpunkte. Es gibt rund siebenhundert Moscheen in Spanien, von denen wir nur einen kleinen Bruchteil kennen, geschweige denn im Auge behalten können. In irgendeiner dieser Garagen, Keller oder Hinterzimmer könnte das nächste Attentat vorbereitet werden.“

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