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Google Street View : So seht ihr aus

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Hin und wieder kann ein Blick in den öffentlichen Raum nicht schaden: Google Street View, auf eine Leinwand projiziert Bild: picture alliance / dpa

Angeblich gefährdet Google Street View die Privatsphäre. Dabei, und das wussten schon die Vedutenmaler, ist es nur gut für den öffentlichen Raum, ihn hin und wieder mal genauer zu betrachten.

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          Noch vor zehn Jahren konnte, wer nachts nichts Besseres mit sich anzufangen wusste, das Fernsehen anschalten und ganz erstaunliche Sendungen schauen: Im ersten Programm fuhren Züge durch die Landschaft. Im Zweiten ein Auto. Man saß da als Zuschauer praktisch auf dem Beifahrersitz, der Fahrer hielt den Mund und fuhr. Dies, Bürger, ist dein Land - sagten diese Bilder: Es ist ganz schön, gelegentlich, und auch oft ziemlich langweilig; es gibt darin Wiesen und Gebirge und Wälder und viele Tankstellen und Gewerbegebiete und Ampeln und Verkehrsschilder und Vororte mit Reihenhäusern und Eigenheimen, und hoffentlich sind wir da bald durch . . .

          Nein, man kann das nicht mit Claude Lelouchs Film „C'était un Rendezvous“ vergleichen, in welchem eine Kamera am Bug eines Sportwagens durch den frühmorgendlichen Montmartre rast; dies hier war eher ein Opel als ein Ferrari, und das da draußen eher Pirmasens als Paris.

          Das Erstaunliche ist jetzt: Damals im Fernsehen war das zum Einschlafen gedacht. Wenn jetzt Google das Gleiche tut, nämlich Autos mit Kameras durch die Straßen schicken, dann sind alle hell alarmiert.

          Mit Kameras wie diesen fotografiert Google unsere Straßen
          Mit Kameras wie diesen fotografiert Google unsere Straßen : Bild: AP

          Eine Reminiszenz ans technologische Vorgestern

          Sobald Google etwas Neues ankündigt, ist mittlerweile sofort ein Verdacht da, oder jedenfalls die Frage, wo der Haken an der Sache sitzt: Wenn mir das heute Spaß macht - wie werde ich morgen dafür büßen müssen? Es hat ja auch wirklich und tatsächlich etwas Beunruhigendes, die gesamte sicht- und lesbare Welt allmählich in die Datenbestände dieser Firma übergehen zu sehen.

          Aber bei Google Street View kommen jetzt selbst geübte Warner an ihre Grenzen. Diese Woche war im Radio ein österreichischer Google-Kritiker zu hören, der auf die Gefahr hinwies, Diebe könnten mithilfe des Programms nach Häusern mit besonders einladenden Fassaden und teuren Autos davor Ausschau halten ... Wenn das die Zukunft der Internetkriminalität ist, könnten wir unsere Polizisten auch wieder mit Hellebarden ausrüsten.

          Schwer zu sagen, ob das nun ein Zeichen für Harmlosigkeit, doppelt beunruhigend oder einfach nur neutral sonderbar ist, wie sehr hier die digitale Zukunft plötzlich in die Vergangenheit weist; alles an Google Street View wirkt beinahe nostalgisch, wie eine Reminiszenz ans technologische Vorgestern.

          Aus den Tiefen der Kunstgeschichte auf die Computerbildschirme

          Google selbst war mit Google Earth schon einmal weiter. Dann kam Microsoft, mit Bing, über das sich erstaunlicherweise nie jemand erregt, und schenkte uns die Vogelperspektive: Wir können die Anwesen unserer Mitmenschen jetzt nicht nur von oben sehen, sondern sogar in halber Höhe von verschiedenen Seiten. Google Street View bedeutet nun das endgültige Absinken der Perspektive vom Blickwinkel Gottes (beziehungsweise des Satelliten) über die der Vögel zu derjenigen der Straßenpassanten, die glauben müssen, was ihnen als Fassaden vor den Augen steht, und wenn dies nur Potjomkinsche Behauptungen sind.

          Und dann gibt es diese Fassaden, diese Straßenzüge, diese Strips, noch nicht einmal als Film, als Bewegtbild, sondern als Einzelaufnahme. Das ist die Rückkehr von Vedute und Panoramabild aus den Tiefen der Kunstgeschichte auf die Computerbildschirme in den Kinderzimmern! Da freut sich natürlich zuallererst der Kulturkonservative und denkt an Maler wie Canaletto und daran, ob die, wenn sie im 18. Jahrhundert ihre Camera obscura an den Canal Grande stellten, sich auch schon die erforderlichen Gedanken darüber gemacht haben, wie sie zufällig ins Bild gondelnde Passanten unkenntlich pixeln.

          Einst war es eine Ehre, mit ins Bild zu dürfen

          Als Eduard Gaertner später seine fotografisch genauen Bestandsaufnahmen von den Berliner Straßen machte, konnte sich sogar glücklich schätzen, wer mit ins Bild durfte. Bei Gaertner wurde diese Ehre nur ausgewählten Personen der Zeitgeschichte, Freunden und ihm selber zuteil. Es läge also in der Logik des Mediums wie auch in der Natur des Menschen, dass die Leute eher in Google-Bilder hineindrängen als hinaus. Vielleicht ließe sich damit sogar Geld verdienen: Wer ins Bild will, muss zahlen. Das dürfte am Ende häufiger vorkommen, als dass jemand zufällig im Bild ist und rauswill.

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