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Dichtende Arbeiter bei Foxconn : Sie spielen uns das Lied vom Tod

  • -Aktualisiert am

Fließbandarbeiter bei Foxconn: In der Mitarbeiterzeitung werden auch Gedichte abgedruckt Bild: AP

Sie nehmen die vorderen Plätze bei Lyrikpreisen ein und spannen gleichzeitig Netze auf, damit keine weiteren Arbeiter bei Foxconn in den Tod springen: Die schreibenden Wanderarbeiter Chinas.

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          In China spricht man wieder vermehrt von Fließbandarbeitern, die Gedichte schreiben - mit einem traurigen Hintergrund. Am 30. September brachte sich bei Foxconn, der Firma, die unter anderem Apple-Geräte zusammensetzt, der 24 Jahre alte Arbeiter Xu Lizhi um, der seit Jahren als Lyriker hervorgetreten ist. Es war der achte offiziell registrierte Suizid dort seit 2010, als die schlechten Arbeitsbedingungen, die straffe Überwachung und die Selbstmorde der taiwanischen Fabrik in der südchinesischen Metropole Shenzhen weltweit Aufmerksamkeit erregten.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Viele der Gedichte des aus einem Dorf in Jieyang in der Provinz Guangdong stammenden Xu gingen von seiner Fließbandarbeit aus, und viele wurden in der Mitarbeiterzeitung „Foxconn-Menschen“ veröffentlicht. „Diese Worte können nur von Wanderarbeiter-Herzen gelesen werden“, heißt es in einem der Gedichte und Nachrufe, die jetzt von „Nao’s blog“, einer Website über soziale Unruhen in China, dokumentiert werden. Dort findet sich auch das Gedicht, das Zhou Qizao, ein anderer Foxconn-Arbeiter und -Lyriker, für den Kollegen verfasst hat: „Du stirbst an meiner Stelle, / Und ich schreibe weiter an deiner Stelle.“

          Die Grotesken der Populärkultur

          Glücklicher traf es der 32 Jahre alte Wu Niaoniao, der ebenfalls in einer Fabrik in Guangdong gearbeitet hat. Sein Langgedicht „Rhapsodie“ wurde wenige Wochen nach Xus Selbstmord beim Lyrikwettbewerb der Kulturwebsite „artsbeijing.com“ des Malers Yang Ermin mit dem dritten Preis ausgezeichnet. Berühmte Dichter kamen zu der Ehrung in den Bankettsaal eines Pekinger Hotels, allen voran Yang Lian, der zurzeit in Berlin lebende Mitinitiator des Preises, und Mang Ke. Die beiden wurden ebenso wie ihre Lyrik von den Kulturoffiziellen in den achtziger Jahren „obskur“ genannt, doch manche Verse dieser Dichtergruppe, die nach dem kollektivistischen Grauen der Kulturrevolution den Individualismus, die Zwischentöne und die Subjektivität verfocht, tauchten sogar auf den Bannern der Studentenbewegung auf, die 1989 blutig niedergeschlagen wurde. Mang Ke sagt heute, die Dichter hätten in China damals eine Art Untergrund gebildet, eine Welt unterhalb des Mainstream. Das verbindet offenbar bis heute; man umarmt sich und prostet sich zu unter den Dichtern dieser Generation, die da an diesem Abend in dem Hotelsaal zusammenkommen.

          Der sehr jung aussehende Wu Niaoniao steht nicht ganz zugehörig daneben, auf selbstbewusste Art schüchtern. Seine surrealen Gedichte verraten die Grotesken der Populärkultur, von denen er sich beeinflusst sieht: „Der Himmel ist eine Schneefabrik, eine mechanische. / Fließbandengel stehen Tag und Nacht im Lärm, im Neonlicht, / Stellen schöne Schneeflocken her, abgestumpft, / Überarbeitung lässt sie Schaum vor dem Mund erbrechen.“ Vor einem Jahr, als der artsbeijing-Lyrikpreis zum ersten Mal ausgeschrieben worden war, hatte auch schon ein ehemaliger Foxconn-Arbeiter einen vorderen Platz erreicht. Der 47 Jahre alte Guo Jinniu war unter denen, die die Fabrikleitung mit dem Aufspannen von Netzen beauftragte, nachdem zuvor schon zwölf Arbeiter aus hohen Stockwerken in den Tod gesprungen waren. Seine Gedichte übersetzen Arbeitserfahrungen wie diese in ebenso gebrochene wie realistische Bilder („Flieg, flieg. Die Bewegungen der Vögel, nicht imitierbar“).

          Vom Traum Buchhändler zu sein

          Bei dem Wettbewerb reichten dieses Jahr 6722 Autoren 50.000 Gedichte ein, letztes Jahr waren es sogar 80.000 von mehr als zweitausend Verfassern. Außer Vertretern kulturnaher Berufe waren auch Soldaten, Polizisten und immer wieder Wanderarbeiter darunter. „Sie brachten mir bei, dass Unterklasse keine Marke ist, sondern eine Art und Weise zu denken“, schreibt Yang Lian in der Einführung einer demnächst bei Shearsman Books erscheinenden Anthologie des Preises, in dessen Beirat unter anderen Adonis, Breyten Breytenbach, Rebecca Horn und Joachim Sartorius sitzen. Die bei dem Wettbewerb ausgezeichneten Gedichte legen freilich keine bestimmte Deutung der gegenwärtigen Gesellschaft nahe; eher dokumentieren sie die Diversifizierung der Themen und Stile, die die Lyrik in China seit den „obskuren Dichtern“ der achtziger Jahre erlebt hat. Der zweite Preis evoziert etwa die vom Sufismus beeinflusste mystische Erfahrung eines Muslim („Er bleibt wach für dich / So wie die Blumen immer duften für die Nase“); den ersten Preis bekam ein routinierter Avantgardist.

          „Dagong-Lyrik“ (Dagong heißt Arbeiten für einen Chef, wird meistens für Wanderarbeiter benutzt) ist eine in China seit Jahrzehnten bekannte Literaturgattung. Sogar Regierungsstellen wie das Amt für den Aufbau einer spirituellen Zivilisation in Schanghai veranstalten mittlerweile Lyrik-Wettbewerbe für Wanderarbeiter. Die jüngsten Beispiele sind jedoch eine Warnung davor, das Phänomen zu romantisieren. Schon Zheng Xiaoqiong, die wahrscheinlich bekannteste Vertreterin des Genres, wollte sich nicht gern als Wanderarbeiter-Dichterin etikettieren lassen. Und auch die Autoren, über die man jetzt spricht, sind Lyriker aus eigenem Recht und wollen ihren Ruhm keineswegs davon abhängig machen, dass sie Arbeiter sind. Guo Jinniu ist heute Angestellter einer Verwaltungsfirma. Wu Niaoniao, der diesjährige Preisträger, ist zurzeit arbeitslos und sucht eine Stelle im Kultur- oder Verlagsbereich. Und Xu Lizhi, der sich umbrachte, hatte den Traum, Buchhändler zu werden. Im großen Buchkaufhaus von Shenzhen, das er liebte.

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