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Gedenkstunde zum „Ermächtigungsgesetz“ : Wehrlos ist aber nicht ehrlos

Bild: F.A.Z.

Der Bundestag gedachte des „Ermächtigungsgesetzes“ und der großen Widerrede des Sozialdemokraten Otto Wels. Und vermied peinlich, die Zusammenhänge der berühmten Worte kenntlich zu machen.

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          Seine wichtigsten Sätze gehörten in alle Geschichtsbücher, sagte Hans-Jochen Vogel gestern im Bundestag über Otto Wels. Gut gesprochen, exzellenter Vorschlag! Wels, Vorsitzender der SPD seit 1919, war ein Vorgänger Vogels. Als der Reichstag 1933 über das „Ermächtigungsgesetz“ entschied, das den Weg in die Diktatur frei machte, waren die Mandate der kommunistischen Abgeordneten schon kassiert worden. Von der Sozialdemokratie kam die einzige Opposition gegen Hitlers Pläne. Der Bundestag gedachte gestern dieser letzten großen Stunde der ersten deutschen Republik, es sprachen Norbert Lammert und Vogel. Eingespielt wurde dazu in der Feier eine kurze Redepassage von Wels mit dem wahrhaft heldenmütigen Satz: „Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht.“

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          Aber nichts ist für das historische Bewusstsein gewonnen, wenn einzelne markante Formulierungen in den Geschichtsbüchern stehen. Gerade hier kommt alles auf den politischen Kontext, auf den rhetorischen, begründenden Zusammenhang an. Was die Rede von Wels betrifft, so sind es nur Bruchstücke, die man gemeinhin kennt, vor allem das berühmte Wort „wehrlos ist aber nicht ehrlos“. Wels bereitet es vor, und da beginnt das Problem der Heutigen.

          Wer entscheidet darüber, was nun die wichtigsten Sätze von Otto Wels waren?

          Er stimmt nämlich Hitlers außenpolitischer Forderung nach deutscher Gleichberechtigung ausdrücklich zu, um so mehr, wie er hinzufügt, „als wir sie bereits von jeher grundsätzlich verfochten haben“. Er, Wels, sei 1919 als „erster Deutscher“ vor einem internationalen Forum der „Unwahrheit von der Schuld Deutschlands am Ausbruch des Weltkrieges entgegengetreten“. Zustimmend nimmt er auch eine andere Formulierung Hitlers auf, um sie gegen ihren Urheber zu wenden: „,Aus dem Aberwitz der Theorie von ewigen Siegern und Besiegten kam der Wahnwitz der Reparationen und in der Folge die Katastrophe der Weltwirtschaft.‘ Dieser Satz gilt für die Außenpolitik; für die Innenpolitik gilt er nicht minder.“ (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten, vermerkte das Sitzungsprotokoll).

          Denn auch innenpolitisch, so Wels, sei die „Theorie von ewigen Siegern und Besiegten, wie der Herr Reichskanzler sagte, ein Aberwitz“. Der sozialdemokratische Redner, dem alles an der Parallele zwischen dem Versailler Vertrag und dem Ermächtigungsgesetz lag, erinnerte – und nun erst gewann er die ihm eigene rhetorische Form – an die Aussprache über die Friedensbedingungen der Entente in der Nationalversammlung am 23. Juli 1919: „Da wurde gesagt: ,Wir sind wehrlos, wehrlos ist aber nicht ehrlos.‘“ Niemanden, der die Verhältnisse und die Befindlichkeit der politischen Klasse kennt, wird es überraschen, dass die Einspielung eines Passus der Wels-Rede über die Bedrohung der Freiheit es peinlich vermied, die Zusammenhänge kenntlich zu machen.

          Zu den „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“, die Bertolt Brecht vor siebzig Jahren behandelte, hat sich eine sechste gesellt. Die Wahrheit wird nicht direkt verschwiegen, aber man muss sie schon ahnen, um sie dann auch zu finden. Und vor allem: Wer entscheidet darüber, was nun die wichtigsten Sätze von Otto Wels waren, die in die Geschichtsbücher kommen sollen? Eine SPD jedenfalls, die sich selbst in geschichtspolitische Geiselhaft der Korrektheitswächter geliefert hat, wird Otto Wels nicht gerecht.

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